Verhaltensstörung – Störendes Verhalten

24. March 2006 von Anita Balser

Mögliche Konfliktlösung bei aggressivem Verhalten

Folgenden Fall habe ich im Forum gefunden und möchte nun anhand der im Beitrag gegebenen Informationen klar machen, warum es sich hier um störendes Verhalten (keine Verhaltensstörung) handelt und wie mögliche, für die Besitzer gangbare Wege gefunden werden können.

Der Fall (Original aus dem Forum):

Eine Nachbarin mit ihrem Terrier-mix kommt zu mir zum trimmen, der Hund weißt extreme Verhaltensstörungen auf.

Beim ersten Besuch hat er meine Hände als Kauknochen benutzt, dass habe ich mit Dominanz und Ruhe schnell in den Griff bekommen.
Dieser Rüde befindet sich in der pubertären Phase die das ganze derzeit noch erschwert und meint nun noch mehr spinnen zu müssen. Er lässt sich daheim weder kämmen, abputzen, das Geschirr bzw. Halsband umlegen etc. pp. dieses wehrt er mit extremen Aggressionen wie Zähne blecken und schnappen ab.
Streicheln lässt er sich solange er will, wirds zuviel, schnappt er zu (dieses aber meist nur bei fremden). Auch das Enkelkind wird attackiert.
Sie bekamen das Tier mit 10 Monaten, die Vorbesitzer gingen ganztägig arbeiten. Die “Nachbarin” bekam bei der Übergabe nur den Hinweis, er ließe sich nur am Kopf streicheln und Kinder mag er nicht.!!!!!
Als sie ihn dann auf den Arm nehmen wollte, schnappte er gleich nach ihr.
Nun muss ich dazu sagen, die jetzige Familie ist sehr tierlieb, hat aber mit Hunden null Erfahrung und sie setzen sich in keinster Weise durch und weichen den Attacken des Hundes aus!!!
Ich war nun dort um mir das Verhalten des Hundes daheim anzusehen.
Ein gaaaaanz süsser Bursche, sobald er aber in seinem normalem Ablauf gestört wird, wird er zum Biest und weisst extreme Unsicherheiten (sitzt da und zittert anfangs, danach Augenklimpern, wie extrem Müdigkeit) auf.
Er musste mir nur aus dem Weg gehen, weil ich den Weg einforderte, schon hatte ich verspielt, er liess sich nicht mehr anfassen, wich mir aus und war die Unsicherheit persönlich.

Ich sage der Frau, dass sie unbedingt die Verhaltensformen ändern müssten, nix mehr in gleicher Höhe (Bett, Sofa) mit der Familie etc.pp.
Befehle unbedingt erfüllt werden müssen (muss er nämlich nix) und das sie alle mitspielen müssen, es sonst keinen Rrfolg haben würde.

Zitat Ende

Selbstverständlich sollte jedem Leser klar sein, dass meine folgenden Ausführungen nur eine mögliche Lösung darstellen kann, denn es könnte sein, dass man zu anderen Entscheidungen kommt, wenn man das Team live gesehen hat. Alle Vorgehensweisen beziehen sich also auf die vorhandenen Informationen.

Zu nächst mal: Es handelt sich hier mit ziemlicher Sicherheit nicht um eine Verhaltensstörung. Die Diagnose Verhaltensstörung kann nur ein entsprechend ausgebildeter Tierarzt mit Zusatz „Verhaltenstherapeut“ stellen. Jeder erfahrene Hundetrainer wird relativ schnell eine Vermutung abgeben können, aber eine endgültige Sicherheit kann man nur durch eine eingehenden Untersuchung des Hundes durch einen Fachtierarzt bekommen.

Oftmals werden Verhaltensstörungen mit störendem Verhalten verwechselt. Aus meiner eigenen Erfahrung der vergangenen 15 Jahre kann ich folgendes sagen: 90% aller mir vorgestellten Hunde sind einfach schlecht erzogen, 7% sind tatsächlich dominant und ca. 3% sind verhaltensgestört. Warum hört man dann so oft von verhaltensgestörten Hunden? Die Antwort ist einfach: Wenn einem Menschen das Verhalten eines Hundes seltsam, ungerecht, hinterhältig, böse und gemein vorkommt, es also aus seiner menschlichen Sicht vollkommen unlogisch ist (ich verbringe Zeit mit meinem Hund, ich füttere ihn, ich gehe zum Tierarzt, ich tue alles für ihn und er beisst mich), dann denkt der Mensch schnell, dass es sich um eine Verhaltensstörung handelt.

Tatsächlich ist ein Merkmal einer Verhaltensstörung, das der Hund unlogisch handelt. ABER: die entscheidende Frage ist, ob er aus unserer Sicht unlogisch handelt oder aus Hundesicht betrachtet unlogisch handelt. Im oben beschriebenen Fall handelt der Hund, aus Hundesicht betrachtet klar logisch. Es passt ihm etwas nicht, Grenzen die ihm gesetzt werden, Dinge die ihm unangenehm sind oder weh tun und beisst zu. Das ist aus Hundesicht so logisch, wie für uns logisch ist, dass 2+2 = 4 ist.

Uns stört dieses Verhalten, deshalb wollen wir es ändern. Nun kommen wir auch zu dem entscheidensten Punkt, wenn es um die Konfliktlösung geht. Der Hundehalter muss dieses Verhalten tatsächlich ändern WOLLEN. Ein guter Hundetrainer wird ihm die Massnahmen erklären und in den Vordergrund stellen, dass dieser Hund sehr „unglücklich“ darüber ist, dass er dieses Verhalten zeigen MUSS. Hunde sind sehr friedfertig, Auseinandersetzungen bedeutet Stress und den will eigentlich jeder Hund vermeiden. Wenn ein Hund zugebissen hat sind wir sehr damit beschäftigt, dass es ein böser Hund ist, dass er unser Vertrauen missbraucht hat etc. Niemand denkt am Anfang ernsthaft darüber nach, wie es dem Hund in der Situation ging.

Nach einem ausführlichen Beratungsgespräch und einer Einschätzung der Lage sollten die nötigen Massnahmen besprochen werden. Ist der Hundehalter tatsächlich bereit mitzuarbeiten, auch wenn sich der Erfolg ein halbes Jahr Zeit lässt und Rückschläge einkalkuliert werden, dann, erst dann, kann die eigentliche Arbeit beginnen.

Zurück zu unserem Fall. Auf den ersten Blick ist die Sache klar: Hund zeigt unerwünschtes Verhalten, ist der „King“ und terrorisiert alle. Trotzdem wäre es aufgrund der Gesamtsituation grundfalsch nun an genau dieser Stelle folgende Massnahmen anzusetzen: nicht mehr auf die Couch lassen, zuerst durch die Türe gehen etc.

Warum? In so einem Fall nützt es nichts am Symptom herumzudoktern (Hund beisst) sondern es muss das Übel an der Wurzel gepackt werden. Dabei darf es nicht sein, dass nur am Hund gearbeitet wird, sondern vor allem am Menschen. Würde man jetzt so vorgehen, dass man der Familie erklärt sie müsse sich gegen den Hund durchsetzen und diese würde das bei der Ausgangslage tun wäre das Ergebnis folgendes: Familienmitglied versucht sich durchzusetzen, Hund wehrt sich, Familienmitglied versucht es weiter, Hund beisst richtig zu und verletzt den Menschen (welcher bereits durch die vorangegangenen Vorfälle Respekt vor dem Hund hatte, nun aber versucht die Tipps des Trainers umzusetzen). Vermutlich wird der Hund nun in der Folge eingeschläfert oder abgegeben.

Warum hat bei der Ausgangslage auch der Hund gar keine Chance seinen Menschen (der nun die Rolle des Anführers für sich in Anspruch nimmt) zu verstehen? Warum ist das Verhalten des Hundes völlig normal und in Ordnung? Weil der Hund aufgrund der erst kurzen Zeit bei den neuen Besitzern noch gar keine Bindung zu seiner Familie hat. Ein Hund der nicht gebunden ist, daraus resultierend kein Vertrauen zu seinen Menschen hat und dazu noch einer Rasse angehört, die quasi gezüchtet wurde um sich zu wider- und durchzusetzen und somit relativ schnell auf Durchsetzen der eigenen Ansprüche durch aggressive Handlungen umschaltet, dieser Hund, der tut was er tun muss. Aus seiner Sicht betrachtet stellt man Führungsanspruch, obwohl man dafür keine Rechte erworben hat, obwohl man noch gar nichts dafür getan hat um führen zu dürfen.

Einen Terrier kann man nicht überreden, einen Terrier muss man überzeugen. Hat man es geschafft den Hund davon zu überzeugen, dass die Führung in meinen Händen besser aufgehoben ist, hat man einen tollen, sensiblen und treuen Freund gewonnen. Hat man ihn nicht überzeugt und fordert trotzdem etwas wird er Terrier kämpfen. Und das kann für den Menschen, besonders für das Kind, böse ausgehen.

Das ist ein wichtiger Punkt, den der Hundetrainer ansprechen muss. Hier ist ein Kind in Gefahr. Die Familie muss in der Lage sein, die Situationen bis zur Verhaltensänderung durch Vorsichtsmassnahmen (Trennen von Kind und Hund, Maulkorb) so zu steuern, das für das Kind keine Gefahr besteht.

Ist das nicht möglich, sollte der Hund abgegeben werden. Niemals darf es vorkommen, dass ein Hundetrainer es zulässt, dass der unbedarfte und unerfahrene Hundehalter die Gefahr die von einem solchen Hund gegenüber einem Kind ausgeht, unterschätzt.

Ich verweigere sofort die Zusammenarbeit, wenn Kinder im Spiel sind und der Hundehalter das aggressive Verhalten seines Hunde beschönigt. Ich gehe soweit, den Hund zu reizen und es zu provozieren selbst gebissen zu werden, damit dem Hundehalter bewusst wird, was für einen Hund er da an der Leine hat. Spätestens da wachen die meisten Hundehalter auf.

Es gibt einen weiteren Grund, warum hier nicht als erste Massnahme, das Übernehmen der Führung stehen kann. Der Hundehalter hat Angst vor seinem Hund. Dies weiss der Hund aus seinen erfolgreichen Attacken ganz genau. Ein Mensch der selbst voller Angst ist, kann seinem Hund den Superrudelchef nicht vorspielen. Es ist richtig, dass die Familie momentan den Konfrontationen aus dem Weg geht, denn momentan würde der Hund in jeder Konfrontation in seinem Verhalten bestärkt.

Hier muss also, bevor es zu der eigentlichen Korrektur der Fehlverhaltens kommt, mit dem Menschen an einem sicheren Auftreten und der Beharrlichkeit gearbeitet werden. Dies aber unabhängig vom Hund, in Alltagssituationen mit anderen Menschen. Der Hundehalter muss zunächst in die Lage versetzt werden „NEIN“ sagen zu können, dies auch so zu meinen und sein NEIN gegen Wiederstände durchzusetzen, bevor auch nur im Ansatz an eine Arbeit mit dem Hund im Bereich der Führung gedacht werden kann.

Kommen wir nun zu der Reihenfolge der nötigen Massnahmen:

  1. Bindungsaufbau, parallel Menschenübungen zwecks Steigerung der Durchsetzungskraft
  2. Verbesserung des Grundgehorsams im Bindungsbereich und Schaffen neuer Verknüpfungen (z.B. Bürsten ist schön)
  3. Durchsetzen des Grundgehorsams im Führungsbereich mit Vorsichtsmassnahmen (Maulkorb)
  4. Führungsaufbau ausserhalb der Konfliktsituationen (mit Maulkorb)
  5. Führungsanspruch innerhalb der Konfliktsituationen (Aggressionsblockade setzen, ohne Maulkorb falls der Besitzer bereits soweit ist)
  6. Vertrauensaufbau durch beharrliches Abwechseln von Bindung und Führung im AlltagWie man in der Praxis Bindung aufbauen kann, welche mentalen Trainingsmöglichkeiten es für den Hundehalter gibt, wie man Gehorsam aufbaut und durchsetzt, wie Führungselemente aussehen können und eine Aggressionsblockade durch zu führen ist, dass sprengt den Rahmen, es wäre bei aggressivem Verhalten unverantwortlich Tipps zu geben und eine echte Konfliktlösung kann nur in der persönlichen Zusammenarbeit mit dem Hundehalter dauerhaften Erfolg bringen.Daneben beinhaltet der ganzheitliche Ansatz auch, dass der Hund gesundheitlich durchgecheckt wird, um auszuschliessen, dass das Verhalten weder durch eine Schilddrüsenproblematik noch schlicht durch Schmerzen verursacht wird.Man könnte allein über dieses Thema ein Buch schreiben. Das kommt ja demnächst.. ;-) )

    Anita Balser
    www.hundeteamschule.de

Drucke diesen Artikel Print This Post/Page


Mehrhundehaltung - Wahrheit und Dichtung

23. March 2006 von Anita Balser

Rangordnung vs. Rudelordnung

Es kam die Frage auf, wie man sich als Mehrhundebesitzer gegenüber seinen Hunden verhalten soll. Ob man, wie in vielen Büchern beschrieben, bei jeder Handlung die sogenannte Rangordnung einhalten muss oder nicht. Hierzu meine Erfahrungen:

Ich halte ja ein Rudel bestehend aus zwei unkastrierten Rüden, einer unkastrierten Hündin und einer kastrierten Hündin.

Ich sehe die Sache so: Wenn das Rudel friedlich zusammenlebt, als Team mit Teamführer Mensch gemeinsam agiert, Aufgaben, Rechte und Pflichten klar verteilt sind und man es zugelassen hat, dass sich eine natürliche Rudelordnung bilden konnte, dann kann man als Mensch tun was man will.

Man kann füttern wie man will, streicheln wann man will, zuerst begrüssen wen man will und es hat überhaupt keinen Einfluss auf das Verhalten der Hunde untereinander.

Jeder einzelne Hund akzeptiert, dass meine Entscheidungen, welche auch immer ich treffe richtig sind, auch wenn sie gelegentlich unhündisch sind.

Merkt man aber, dass es im Rudel zu Disharmonien kommt, Rangauseinandersetzungen etc., oder auch nur ein Hund aus dem Rudel klar kommuniziert, dass er “unglücklich” (menschlich ausgedrückt) ist, dies kann sich durch Markierverhalten, Zerstören von Gegenständen o.ä. äussern, dann muss man für Ordnung sorgen.

Denn das erwarten die Hunde von ihrem Menschen. Es muss überprüft werden, ob alle Paramenter stimmen. Haben die Hunde Bindung zu mir (oder ist die Bindung untereinder stärker ausgeprägt, das heisst die Hunde orientieren sich mehr aneinander, als an mir), akzeptieren die Hunde meine Führung (werden Grenzen eingehalten, oder werden diese zwar untereinander eingehalten, aber nicht, wenn ich sie setze), vertrauen mir die Hunde in Konfliktsituationen, oder lösen sie Konflikte selbst (z.B. in der Begegnung mit anderen Hunden, Menschen u.ä.)?

Auch wenn alle Parameter stimmen, kann es zu unharmonischen Zeiten kommen. Dies kann z.B. dann der Fall sein, wenn eine Hündin läufig ist. Dann ist es eben entscheidend wichtig, dass der Mensch eingreift und durch eindeutiges Bevorzugen/Benachteiligen vorübergehend klare Fronten schafft und daran erinnert, wer hier warum welche Rechte hat oder nicht.

Dies ist zwar unhündisch und nicht artgerecht, aber wir halten nunmal Familienhunde und Rudel, die es sich möglicherweise, hätten sie eine Wahl gehabt, anders ausgesucht hätten. Man sollte nicht davon ausgehen, dass nur weil ich mehrere Hunde halte, diese auch miteinander leben WOLLEN.

In Extremfällen muss man sich von einem Hund trennen, weil dieser sich einfach nicht ins das bestehende Rudel einfügen kann.

Hält man mehrere Hunde, die sich aus der Welpen- oder Jugendzeit her kennen zusammen und es kommt zu Disharmonien, so ist dies in der Mehrzahl der Fälle auf ein Fehlverhalten des Menschen zurückzuführen. Er hat verpasst zu erkennen, dass er mit der Führung eines Rudels Verantwortung, Rechte und Pflichten übernimmt. Werden Hunde führungslos sich selbst überlassen handeln sie eben zu 100% wie ein Hund und entscheiden selbst, was richtig und was falsch ist.

Eigentlich müsste man an dieser Stelle noch auf die Haltung von Geschwistern eingehen, dies würde aber den Rahmen sprengen. Erwähnt sei an dieser Stelle nur, dass die Haltung von Geschwistern keine Herausforderung ist, der sich ein unerfahrener Hundehalter stellen sollte.

Anita Balser
www.hundeteamschule.de

Drucke diesen Artikel Print This Post/Page

Guter Hundetrainer vs. schlechter Hundetrainer

20. March 2006 von Anita Balser


Hier ein Beispiel, wie man einen guten von einen schlechten Hundetrainer unterscheiden kann:

Frage des Hundehalters: Ich bekomme mit meinem VW Golf keine Starterlaubnis am Frankfurter Flughafen.. Wie beantrage ich die?

Der eine Hundetrainer sagt: Lerne den Unterschied zwischen einem Auto und einem Flugzeug! Kaufe Dir ein Flugzeug, gehe in eine Flugschule, lerne fliegen! Dann hast Du die Schwierigkeiten beseitigt.

Der andere Hundetrainer sagt: Nimm eine Stange, montiere sie an das Dach von Deinem Golf, mache eine Festzeltgarnitur dran, gib Dich beim Tower als Airbus aus, gib Gas.. und: am Ende der Rollbahn nicht vergessen feste am Lenkrad zu ziehen

(gefunden im Internet)

DAS ist der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Trainer: Der schlechte gibt Tipps und schraubt an den Symptomen herum.. Der Gute beseitigt die Ursache.

Anita Balser
www.hundeteamschule.de

Drucke diesen Artikel Print This Post/Page

Partner:
Snukk Hundeforum  Staubsaugerdüse gegen Hundehaare  IT Dienstleister NRW  Schislaweng  Baby-Sicherheit und Baby-Überwachung
Babybekleidung  DER KATALOG - Hundeschule   Tierbedarf bis Tiervermittlung   Nachhilfe