Das Haus der Erziehung VI
12. February 2006 von Anita BalserDie sechs Bausteine der Mensch-Hund-Harmonie
6. Baustein: Die Imagination
Imagination, das bedeutet Vorstellungskraft, man könnte es auch Phantasie nennen, ist der letzte der sechs Bausteine zur Mensch-Hund-Harmonie in unserem Haus der Erziehung. Dieser Baustein erscheint vielen als der unwichtigste, weil er ja ganz am Schluss kommt. Tatsächlich ist es so, dass man zur Imagination erst gelangt, wenn man alle anderen Bausteine zusammen hat. Vorher ist man mit sich selbst beschäftigt.
Wir haben im Baustein „Das Wissen“, Deine eigene mentale Ausgeglichenheit, Deine emotionale Kontrolle und Deine physische Fitness angesprochen. Auch Hunde wollen und müssen in allen diesen drei Bereichen angesprochen werden, sonst wird ihnen das Zusammenleben mit Dir langweilig. Langeweile, kann zu Respektlosigkeit führen! Ich werde in einem gesonderten Kapitel phantasievolle Spiele beschreiben, die Dir und Deinem Hund gleichermaßen Freude bereiten werden.
Wir beschäftigen uns ja hier vor allem mit Deiner Schulung. Imagination, Vorstellungskraft, brauchst Du aus vielerlei Gründen.
Der wichtigste ist wohl der, dass es eine Menge Phantasie braucht, sich von alten, menschlichen Denkstrukturen zu lösen, die „Denkstrukturen“ eines Hundes zu erkennen und auf seiner Ebene zu kommunizieren.
Leider sind hier die meisten Blockaden anzutreffen. Durch unsere Erziehung, durch die Umwelt, durch unsere zwischenmenschlichen Beziehungen haben wir Blockaden in unserem Denken, die es uns teilweise schier unmöglich machen, uns in den Hund zu versetzen. Der Hund wiederum, der immer wieder, trotz aller Widerstände und Missverständnisse, bemüht ist mit uns zu sprechen, trifft auf diese Blockaden. Wir können nur dankbar darüber sein, dass Hunde die Kommunikation zu ihrem Menschen erst nach sehr, sehr langer Zeit des immerwährenden vergeblichen Versuchs, trotz Blockaden an seinen Menschen ranzukommen, aufgeben. Diese Hunde werden dann chronisch krank, apathisch oder aggressiv. In die Augen einer solchen, unverstandenen Hundeseele zu schauen, bricht mir immer wieder aufs neue das Herz. Aber wie gesagt, nur ganz wenige Hunde geben irgendwann auf, denn von Hunden können wir eine Menge über Beharrlichkeit lernen.
Die größte Blockade des Menschen ist: Mensch bemerkt Symptom, Mensch will Symptom weg haben. Mensch sucht nach schneller, billiger und effektiver Knopfdrucklösung. Mensch sieht dabei oft den Wald vor lauter Bäumen nicht. Mensch ist bereit zu rucken, zu drücken, zu ziehen und zu schieben, aber zum Verstehen ist er nicht bereit. Nicht bereit, heißt nicht, das er nichts ändern WILL, sondern dass er es aufgrund seiner Denkblockade einfach nicht KANN.
Er wird Tage, Monate und Jahre dafür verschwenden, an Symptomen rumzudoktern, mit mäßigem, vorübergehendem Erfolg (weil sich neue Baustellen nach Beseitigen des einen Symptoms auftun), deren Ursache bei Ablegen der Denkblockade in 15 Minuten erledigt wären.
Sicher gibt es Schwierigkeiten, die viel Zeit brauchen, um tatsächlich die Ursache zu beseitigen, aber es gibt noch viel, viel mehr, die, versteht man den Hund tatsächlich, ganz schnell erledigt sind. Und das hat nichts, gar nichts mit Technik, Methoden oder Knöpfchen drücken zu tun.
Hier ein Beispiel:
Mensch hat Hund, der (Ursache unbekannt) Kinder (aus Sicht des HF) aggressiv verbellt oder sogar zuschnappt. Mensch bekommt eine Menge Stress mit den Nachbarn, Bekannten und den Behörden. Mensch denkt: Das Problem muss weg! Mensch reagiert folgendermaßen:
Geht mit abgeleintem Hund spazieren, Hund sieht Kinder, stellt die Ohren auf, schaut dann kurz nach seinem Menschen. Mensch wird hektisch, panische, raunzt seinen Hund an, greift ihm ins Halsband, leint den Hund grob an.
Ich übersetzte mal:
Hund: Chef, da ist etwas, hast Du das gesehen? Ich fürchte mich, ich bin mir nicht sicher, ob das mir weh tut….
Mensch: DU HAST RECHT!! Eine Katastrophe kommt auf uns zu! Ein Alptraum! Oh mein Gott Kinder! Komm wir fesseln uns!
Hund: EINE KATASTROPHE; sag ich doch, wau, wau, Du hast das nicht im Griff, aber ich habe Zähne, die zeige ich jetzt mal, und knurre, das ist doch das was Du willst!!
Mensch: JA JA JA, setz Deine Zähne ein, das ist SUPER, ich habe das nicht im Griff! Rette uns!
Da der Mensch nun völlig am Ende ist, kauft er sich ein Stachelhalsband oder ein Sprühgerät (irgendein Trainer hat das doch mal im Fernsehen gezeigt…), was nun an Kommunikation rüberkommt erspare ich dem Leser. Ich glaube es ist jedem klar, das DIES die falsche Lösung wäre. Aber: Schüttle jetzt nicht mit dem Kopf, das ist menschlich, in vielen Situationen reagierst Du genau so! Vielleicht greifst Du nicht gleich zum Stachelhalsband, aber Du gehst dann zu einem Hundetrainer, von dem Du erwartest, dass er dieses Symptom „wegmacht“; kostengünstig, schnell und effektiv.
Das ist normal, so machen wir Menschen das. Du bist deshalb kein schlechter Mensch. Du bist bloß ein Mensch.
Ich beschreibe jetzt mal wie es anders laufen könnte:
Hund sieht Kinder, stellt die Ohren. Mensch lobt seinen Hund. Hund sieht Mensch an, Mensch lobt den Hund erneut in einem ruhigen Tonfall. Mensch sagt: „Sitz!“, lobt seinen Hund ruhig, leint den Hund an und lobt erneut ruhig.
Ich übersetze mal:
Hund: Chef, da ist etwas, hast Du das gesehen? Ich fürchte mich, ich bin mir nicht sicher, ob das mir weh tut….
Mensch: Danke, dass Du mich aufmerksam gemacht hast. Ich verstehe das Du Angst hast. Ich nehme Dich ernst!
Hund: Danke, dass Du mein Bedürfnis akzeptierst, nun fürchte ich mich schon weniger.
Mensch: Das ist selbstverständlich, Du weißt es ist meine Aufgabe dafür zu sorgen, dass es Dir gut geht. Ich will das Du dich hinsetzt, damit ich Dich zu deinem eigenen Schutz anleinen kann.
Hund: Danke das Du mich respektierst, gerne komme ich nun an die Leine, dann fühle ich mich sicherer.
Mensch: Nun hast Du Sicherheit, wir können weitergehen.
Hund: Danke, das Du mich verstehst! Ich fühle mich bei Dir geborgen!
Ja, ja, ich weiß alle Befürworter der Erziehung auf der reinen Basis der Lerntheorie werden aufschreien! Du lobst das Fehlverhalten!!! Genau in dem Moment muss ein Leinenruck kommen!
Nein, das Fehlverhalten würdest Du loben, wenn Du mich nicht verstanden hättest und das beschriebene Verhalten zeigst, wenn Dein Hund zähnefletschend in der Leine steht.
Es ist auch nicht wichtig, ob und was Dein Hund jetzt lernt. Denn du willst ihm nun nicht etwas bei- oder ihn von etwas abbringen, sondern Du willst mit ihm sprechen! Und er will das auch mit Dir, glaube mir, das ist alles was er will!!
Merkst Du was? Dir fehlt die Imagination, die Vorstellungskraft, die Phantasie, Dir vorzustellen, dass es genau so ablaufen könnte, dass dein Hund so mit dir spricht, das Du so die Ursache beseitigen könntest.
Und du bist nicht gut beraten, jetzt auf die Strasse zu gehen, weil Du Dich in dem Beispiel wiedererkennst und das mal auszuprobieren. Denn, bitte, vergesse das nicht: Wir sind beim letzten Baustein angekommen. Es wird gar nichts funktionieren, wenn Du jetzt ohne die anderen Bausteine durchgearbeitet und durchlebt zu haben, auf die Strasse gehst und schauen willst, ob das dein Problem beseitigt.
Denn dann hast Du Deine Denkstruktur nicht verändert, Deine Motivation ist extrinsisch, Dein Wissen ist unzureichend, die Methode kannst Du nicht umsetzten, vom geistigen Band bist Du Lichtjahre entfernt und ungeduldig bist Du obendrein.
Deshalb, lieber Leser dieses Abschnitts, sei so gut und beginne am Anfang. Lies die Einleitung, dann jeden einzelnen Baustein, arbeite jeden durch, versuche die einzelnen Bausteine an Dir (ohne Hund) zu erleben und dann, erst dann: Triff eine Grundsatzentscheidung und verändere Dein Leben! Dein Hund wird Dich verstehen. Er hat sein Leben lang auf diesen Tag gewartet.
Anita Balser
www.hundeteamschule.de