Das Haus der Erziehung III
9. February 2006 von Anita BalserDie sechs Bausteine der Mensch-Hund-Harmonie
3. Baustein: Die Methode
Der dritte Baustein hat den bezeichnenden und schwerwiegenden Titel „Methode“. Gibt es sie, „die“ Methode? Gibt es den Knopf auf den ich drücken kann, damit mein Hund „funktioniert“? Die Antwort lautet: JA! Es gibt sogar eine ganze Menge Methoden, nach dessen konsequenter Anwendung ein Hund „funktioniert“. Aber eine Methode die Mensch-Hund-Harmonie entstehen lässt, die gibt es definitiv nicht. Nirgendwo auf der Welt, auch nicht beim „World´s Greatest Dog Trainer“.
Die Hundewelt ist momentan sehr „Positive Bestärkungs-lastig“. Soll heißen, dass nahe zu jedes „Problem“ über die ein oder andere Lernvariante zu lösen versucht wird. Der Hund bellt, er wird ignoriert, weil die Lerntheorie besagt nach dem sogenannten „Extension Burst“ also dem vorübergehenden Verschlimmerns des Verhaltens wird es besser. Hund hat keinen Erfolg mit Bellen, also lässt er es. Nun ja, nicht schlecht in der Theorie. Haben wir auch lange gelehrt. Bloss: Ein Hund der bellt, der kommuniziert. Er sagt vielleicht: ich habe Hunger, ich muss raus, ich will rennen, kurz um: ICH habe Bedürfnisse!! Interessiert das hier jemanden? Befriedige das Bedürfnis (nicht das Bellen!), beseitige damit die eigentliche Ursache und er wird aufhören zu bellen, denn er wurde verstanden.
Sicher ist es wichtig zu wissen, wie Lernverhalten funktioniert. Wie ich einem Hund durch die Phasen der Bestechung, der Bestärkung und der Belohnung dazu bringe, sich auf „Sitz“ hinzusetzten“ auf „Platz“ hinzulegen und auf „Hier“ zu mir zu kommen. Ich gehe an dieser Stelle nicht weiter auf das Thema Lerntheorie ein. Es gibt unglaubliche Mengen von Literatur zu diesem Thema.
Das wichtige an der „Methode“ ist zu erkennen, dass ob der Hund das ihm vorher so sorgfältig beigebrachte Verhalten auch tatsächlich zeigt, nicht im Wesentlichen davon anhängt ob ich die Gesetze der Lerntheorie tatsächlich perfekt eingehalten habe, sondern davon wie ausgeglichen das Verhältnis Bindung zu Führung ist.
Auch hier ist es zuerst der Mensch der lernen muss. Auch hier braucht es, um dem Hund einen einfachen, konfliktfreien Lernprozess zu ermöglichen, Voraussetzungen, die der Mensch erfüllen sollte.
Es sei an dieser Stelle nochmals erwähnt, dass es auch sicher ganz ohne all die Anforderungen an den Hundehalter geht. Möglicherweise bekommt man je nach Hundetyp auch ein ganz passables Ergebnis hin, obwohl nur der Hund geschult wird und der Hundehalter die Voraussetzungen nicht erfüllen kann oder will. Im allerbesten Fall haben wir dann einen Hund der im Grossen und Ganzen funktioniert, im Alltag nicht auffällt und dessen Hundeführer es egal ist wenn der Hund Anweisungen erst nach dem zweiten Hörzeichen ausführt. Passables Ergebnis, funktionierender Hund. Welten trennen dieses „Team“ von einem in Harmonie lebendem Team. WELTEN.
Zurück zu den Voraussetzungen an den Hundehalter, er braucht:
a.) Timing
b.) Körperbeherrschung
c.) Beharrlichkeit
Timing.. mmhh.. nun wird jeder halbwegs interessierte Hundehalter sagen, klar, das brauche ich für die Konditionierung, die Sache mit der einen Sekunde Verknüpfungszeit. Nein, über diesen Zeitpunkt sind wir längst hinaus. Timing braucht es um Situationen vorhersehen zu können, Timing ist: zu spüren was der Hund im nächsten Moment tun wird. Nur dieses Timing kann (besonders bei der Korrektur von Fehlverhalten) langfristig Ursachen endgültig beseitigen. Schlechtes Timing bedeutet ewiges Herumdoktern an Symptomen. Wenn der Hund uns überrascht, dann haben wir ein schlechtes Timing. Wenn wir den Hund überraschen mit einer Aktion, dann wird er uns für unsere Weitsicht bewundern. Ohne dieses Timing kann Hundeerziehung nicht harmonisch, das bedeutet in dem Fall für den Hund klar verständlich und deshalb problemlos nach zwei bis drei Wiederholungen anzunehmen, ablaufen. Was kannst Du tun, um Dein Timing zu verbessern? Du kannst Deinen Hund im Haus in stressfreien Situationen beobachten und versuchen, sein Verhalten vorherzusagen. Immer wenn Du glaubst: gleich wird er… sagst du „jetzt“. Schnell wirst Du selbst einschätzen können, ob Dein Timing gut mittelmäßig oder stark verbesserungswürdig ist. Oder Du kannst Menschen „clickern“. Hol Dir ein Buch über Clickertraining und arbeite mit Deinem Partner. Im Internet gibt es schöne Spiele, bei denen man auf Enter drücken muss, wenn der Bildschirm von Farbe grün auf Farbe rot wechselt. Wenn der Computer Dich fragt: Are you asleep? Dann weißt Du, es gibt viel zu tun.
Körperbeherrschung ist eine spezielle Anforderung an den Hundeführer. Sie kann angeboren sein. Schau Dir einen stolzen Spanier an, wenn er über die Strasse läuft oder einen Farbigen beim tanzen und Du wirst wissen was ich meine. Wenn Du damit gesegnet bist, ist schon viel gewonnen. Körperbeherrschung kann erlernt werden. Durch Sport, durch Tanz, durch Yoga. Wenn Du das bereits als Kind gemacht hast wirst Du Dich leicht tun. Du brauchst aber nichts von beidem, wenn Du eines hast: Selbstbewusstsein. Denn dann werden Deine Schultern niemals hängen, Dein Gesicht wird nie den Boden anstarren, Dein Oberkörper wird den Hund nie bedrohen, Dein ganzes Auftreten wird keinen Anlass zum Zweifel geben.
Wenn Dir aber Selbstbewusstsein fehlt, so kannst Du den umgekehrten Weg gehen. Du kannst lernen Positionen einzunehmen, welche Selbstbewusstsein ausstrahlen. Du trickst Dich sozusagen selbst aus. Mit der Zeit und der Gewöhnung wirst Du merken, dass Deine Körperhaltung sich auch auf Deine Stimme und Dein ganzes Bewusstsein auswirkt. Du wirst, was Du versuchst zu sein. Ich denke es ist jedem klar, dass man nicht verfrüht erwarten sollte, dass der Hund einen ernst nimmt.
Beharrlichkeit wird oft verwechselt mit Konsequenz. Ohne Optimismus kann Beharrlichkeit nicht existieren. Bist Du also ein eher pessimistisch veranlagter Mensch, so arbeite auch hier zunächst an Dir. Versuche zu ergründen warum Du immer eher das Schlechte, den Misserfolg siehst und Deinen Fokus nicht auf das Positive auf die kleinen Fortschritte setzten kannst. Ein Satz, der mich mein Leben lang begleitet hat und aus jedem „Loch“ rausgeholt hat lautet: Ich gehe nur rückwärts um Anlauf zu nehmen… Ich vernahm ihn aus dem Mund eines HWS Patienten der vom Hals abwärts gelähmt war. Wenn Du mit Deinem Hund die Arbeit beginnst, dann kalkuliere von vorne herein Rückschritte mit ein. Du wirst nicht drum herum kommen mit Deinem Hund zu leben und zu arbeiten, obwohl Du für Dich noch nicht alle Bausteine ausreichend bearbeitet hast. Da Du noch nicht ausreichend geschult bist oder grosse Lücken zwischen den Bausteinen bestehen, ist Dein Haus der Erziehung oft am Wackeln. Möglicherweise werden Teile des Hauses wegbrechen und Du wirst neu aufbauen müssen. Rechne damit solange, bis Du Deine Entwicklung vollständig angeschlossen hast. Ab diesem Zeitpunkt, das verspreche ich Dir, wird das Zusammenleben mit dem Hund nicht mehr aus Höhen und Tiefen bestehen, sondern aus kleinen Wellen.
Nun kommt eine gute Nachricht. Die Aussagen: Es liegt nur am Hundehalter ist FALSCH. Der Mensch ist am Lernprozess zu 70% beteiligt, der Hund zu 30%. Diese 30% Hund gilt es zu akzeptieren. Dies heißt nicht, dass man zum Beispiel bei einem Irish Setter damit leben muss, dass er bei Wildgeruch nicht kontrollierbar ist. Aber ich werde akzeptieren müssen, dass er niemals ein so großes Bedürfnis verspüren wird, dicht bei mir zu bleiben wie z.B. ein Malinois. Es gilt neue Wege zu beschreiten. Einem Irish Setter kann ich beibringen auf Kommando 30m links/rechts zu revieren, ich gehe damit auf seine Bedürfnisse ein und habe Kontrolle. Die 30% beinhalten nicht nur die rassespezifischen Eigenheiten, sondern auch die individuellen Vorzüge des Hundes. Noch mal: „es liegt zu 30% am Hund“ bedeutet nicht, dass wir auf abgesicherten Gehorsam verzichten müssen, weil „der Hund eben so ist“, sondern dass wir den Gehorsam nur erreichen, wenn wir den Hund in seinen Eigenheiten annehmen und gemäss seiner Bedürfnisse erziehen. Da helfen keine 08/15 Methoden.
An dieser Stelle möchte ich noch mal kurz darauf eingehen, warum ein noch so gut „konditionierter Hund“ immer wieder, besonders unter Ablenkung „den Gehorsam verweigern“ kann. Wir transportieren mit der Anweisung „Sitz“ nicht nur die erlernte Sachbotschaft „berühre mit deinem Po den Boden“ sondern eben auch Emotionen. Ich kann ein „Sitz“ so aussprechen, dass die Botschaft, die beim Hund ankommt folgende ist:
Ich möchte, dass Du Dich hinsetzt.
Oder aber auch: Ich möchte, dass Du Dich hinsetzt, wenn Du gerade nichts besseres vor hast.
Oder: Ich weiß genau Du wirst Dich nicht hinsetzten.
Oder: Wenn Du Dich nicht hinsetzt, dann raste ich aus.
Oder: Setz Dich hin, der Trainer guckt.
Oder aber: Ich will, dass Du Dich setzt!
Nur wenn die Sachbotschaft mit der Emotion „Ich will“ verbunden wird, wird der Hund reagieren.
Text noch nicht vollständig. Fortsetzung folgt!
Anita Balser
www.hundeteamschule.de