Jagdverhalten

Aus Hunde-Wissen
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Inhaltsverzeichnis

Einleitung zum Jagdverhalten

Für Hunde gibt es nichts Schöneres als sich ohne Leine in der freien Natur auszutoben. Damit der Freilauf gefahrlos und ohne Risiken für den Hund und das Wild ablaufen kann, sollte er von Welpenbeinen an trainiert werden.

Beim Welpen ist es einfach: Hundekinder verfügen über den sogenannten Folgetrieb, der sie dazu drängt, unter allen Umständen bei ihrem Rudel – oder ersatzweise bei ihren Menschen - zu bleiben. In sicherem Gelände, abseits von Autostraßen und Radstrecken, gewöhnt man am besten schon den Welpen an ein Leben ohne Leine.

Ab und zu bekommen die "Kleinen" ihre „närrischen fünf Minuten“, wo sie wie betrunken von Lebenslust und Übermut über Stock und Stein rasen. Es empfiehlt sich, stehenzubleiben, das Kerlchen austoben zu lassen, diese beglückenden Augenblicke einfach zu genießen und vor allem darüber zu wachen, dass diese närrischen Rasereien da stattfinden, wo Klein-Welpe nichts zustoßen kann. Erste kleine Rückruf-Übungen finden besser statt, wenn der oder die Kleine wenig abgelenkt ist. Jedes Kommen wird ausgiebig mit einem kleinen Spielchen oder einem Leckerli belohnt.

Hat sich der Welpe einmal daran gewöhnt, die große weite Welt ohne Leine erkunden zu dürfen, taucht nach einiger Zeit einmal der Moment auf, wo er sich allzu wagemutig von seinem Menschen entfernt und auf Zuruf mangels Können und Übung des „Komm“ noch nicht sofort kehrt macht. Die falscheste Reaktion wäre es, dem kleinen Ausreißer rufend nachzulaufen. Viel besser ist es, in die Hocke zu gehen und durch einen Ruf auf sich aufmerksam zu machen – oft hilft schon diese Maßnahme, weil der „kleine“ Mensch aussieht, als wäre er plötzlich weit weg. Und „weit weg“ signalisiert – man denke an den Folgetrieb – dem jungen Hund: nichts wie hin zu meiner Truppe, die lassen mich hier sonst sitzen. Eine weitere Möglichkeit ist es, tatsächlich in die andere Richtung zu laufen und damit den Folgetrieb auszulösen. Ist der kleine Entdecker zu abgelenkt, um derartige Maßnahmen überhaupt zu bemerken, spielt Mensch den Pausenclown: lautes Johlen, Toben, aufgeregtes Herumspringen, womöglich noch unter Einbeziehung eines Lieblingsspielzeugs. Wer kann da schon widerstehen, neugierig näher zu kommen und nachzusehen, was hier Großartiges los ist?! Am allerwenigsten – ein neugieriger Junghund!

Wenn kleine Extratouren öfter auftreten, der Welpe also zum entdeckerfreudigen und immer selbständigeren Junghund herangewachsen ist, ist es Zeit, ihm klarzumachen, dass nicht nur der Mensch auf den Hund, sondern auch der Hund auf den Menschen achten muss. Dies geschieht, indem der Mensch, wenn Junghund nicht hersieht, sich hinter einem Baum o.ä. versteckt, dabei aber den Kleinen nicht aus den Augen verliert. (Manche jungen Hunde geraten in Panik, wenn sie ihren Menschen verloren glauben und rasen in Panik zum Ausgangspunkt zurück – wenn der Kleine nicht mit der Nase sucht oder suchend um sich blickt, sondern in vollem Galopp losrennt, muss er schleunigst zurückgerufen werden!)

Sollte das plötzliche „Fehlen“ des Menschen nicht bemerkt werden, macht man mit einem kurzen Ruf auf sich aufmerksam. Meist wird es zunächst einen Schreckmoment geben, danach je nach Temperament eine freudig erregte bis verzweifelte Suche und zuletzt ein begeistertes Wiederfinden.

Dieses Spiel – denn ein hochinteressantes Nasenspiel ist das für einen Hund auch noch im Erwachsenenalter – sollte ab jetzt öfter mal in einem Spaziergang eingebaut werden. Der Welpe lernt dadurch, seine Menschen möglichst nie vollkommen aus dem Blickfeld zu verlieren.

Rückrufsignale beim heranwachsenden Hund sollte man zum ÜBEN zunächst immer so anbringen, dass sie auch wirklich befolgt werden (also wenn Herr oder Frau Hund grade nichts Wichtiges im Sinn zu haben scheint) - ansonsten wird man zum Hund für ein angenehmes Glockengeläut mit Standortmeldefunktion. Da kann er nämlich in aller Ruhe seinen Exkursionen nachgehen und weiß praktischerweise immer, wo Mensch sich aufhält, weil der es ja so tüchtig meldet.

Es sollte so selten wie möglich passieren, dass man den Hund ruft und er befolgt das Signal nicht. Für jedes prompte Kommen auf Zuruf wird der Hund natürlich nach allen Regeln der Kunst mit Spiel und/oder Leckerli belohnt.

Irgendwann zwischen dem 6. und 8. Monat beginnt die Pubertät, die Rüpelphase. Der Hund hat nun ein Alter erreicht, in dem er in freier Wildbahn langsam auf eigenen Beinen stehen müsste. Es ist also nicht böser Wille, Sturheit, o.ä., wenn sich ein Hund in diesem Alter selbständig macht, sondern ein vollkommen natürlicher und ursprünglich lebensnotwendiger Vorgang. Die Aufgabe des Menschen in dieser für die Zukunft so wichtigen Zeit ist es, seinem Hund ein für alle Mal klarzumachen:

Mein Mensch ist der Mittelpunkt. Da wo mensch ist, ist Futter, Belohnung, Vergnügen, Zuwendung – kurzum alles, was ich schätze.Ich gehe nicht allein auf Jagd nach Hase und Reh, sondern gemeinsam mit meinem Menschen auf Jagd nach Bällen, Frisbees und Leckerli. Wenn Mensch mich ruft, bin ich zur Stelle, egal, wie spannend es grade anderswo ist


Das Punkteprogramm

  • Jeder Spaziergang beginnt an der Leine, bis ein guter Sicherheitsabstand zur Straße erreicht ist.


  • Der Spaziergang wird wie ein Musikstück unter ein VORZEICHEN gesetzt, nämlich das Vorzeichen "brave Hunde haben's gut". Sprich: ohne Leine wird in rascher Folge alles durchexerziert, was der Hund an Sitz-Platz-Sitz- und sonstigen Künsten (auch Kunststücke) drauf hat, und das wir ausgiebigst mit Leckerli, Lob und Spiel (kurzes Zerrspiel mit Spielzeug) belohnt. Somit steht dem Hund beim folgenden Spaziergang deutlich vor Augen: da geht mein Mensch, wandelndes Leckerli und Vergnügungsautomat in einem.


  • Auch Hunde können sehr genau zwischen Straße, Weg oder Pfad und Gelände unterscheiden. Es empfiehlt sich, dem Hund, bis er ein vollkommen „sicherer“, also durch zurufe steuerbarer, Freiläufer ist, die leicht erkenn- und erlernbare Grenze „Weg“ zu setzen. Er darf den Weg/Pfad nach Herzenslust vor- und zurückrennen, ihn aber nicht verlassen. (Ausnahme: zum Lösen; da sieht mensch es ganz gerne, wenn Herr oder Frau Hund nicht die Mitte des Weges, sondern ein etwas weniger betretenes Plätzchen seitwärts im Gebüsch wählt. Hunde sind in der Lage, zu begreifen, dass seitwärts „austreten“ schon erlaubt ist, seitwärts ausbüxen aber nicht.)


  • Nach ein paar Metern ohne Leine, wenn der erste Stoffwechsel- und Schnüffeldrang vorbei ist, wird der Hund immer wieder mal zurückgerufen und fürs Kommen belohnt.


  • Niemals latscht man lange Strecken einfach so vor sich hin. Immer wieder zwischendurch sollte für interessante kleine Einlagen gesorgt werden: Den Hund auf einen umgefallenen Baumstamm oder -stumpf als Klettergerät hinweisen (Freudengeschrei), Spielzeug werfen oder zergeln, Stöckchen oder Zapfen werfen, Leckerli suchen lassen, Löcher buddeln lassen, Schwimm-Möglichkeiten anbieten etc. oder einfach so eine kleine Runde raufen, lachen, gröhlen, Radau machen - das lieben sie!Zwischen all dem Vergnügen auch mal ein wenig Arbeit, Gehorsam, Sitz und/oder Platz auf Distanz. Durch solche Aktionen wird dem Hund immer wieder in Erinnerung gerufen: nicht ICH gehe, sondern WIR gehen spazieren. Da, wo der Mensch ist, spielt die Musik.


  • Wenn man mal eine Strecke einfach so vor sich hin geht, weil man natürlich nicht permanent Lust hat, den Unterhaltungschef zu spielen, behält man den Hund scharf im Auge. Dann hat man sehr bald heraus, auf welche Vorzeichen er sich demnächst seitwärts in die Büsche aufmachen wird. Manchmal ist es nur ein ruckartiges Straffwerden, oder Stehenbleiben und in den Wald wittern, oder plötzlich den Trab beschleunigen und mit gesenkter Nase und zugeklappten Ohren Richtung Horizont verschwinden. Je eher man sich da schon bei den ersten Vorzeichen in Erinnerung ruft, desto größer sind die Chancen, tatsächlich gehört zu werden. Wenn er schon mal im Renngalopp zwischen den hintersten Bäumen verschwunden ist oder im forcierten Trab ganz vorne ein Punkt in der Landschaft, dann wird's schwierig. Ruft man den Hund RECHTZEITIG ab, sozusagen, wenn ihm grade der Gedanke zum Abhauen kommt, merkt man manchmal richtig, wie er sich zurechtrappelt und "aufwacht". "Oh, hätte ich fast vergessen, da ist ja mein Mensch samt Futter und Vergnügen - na prima!"


  • Wenn der Hund in der schwierigen Phase und man selbst abgelenkt ist (was z.B. meist der Fall ist, wenn man als Mensch mit seinesgleichen plaudernd spaziert), sind kleine Abhau-Unfälle vorprogrammiert - weil man eben nicht die richtige Sekunde zum Zurückrufen erwischt. Wenn da noch kein gutfunktionierendes Rückruf- oder Abbruchsignal eintrainiert ist, wäre es entspannender, den Hund an der Leine zu lassen.


  • Passiert es doch einmal, und der Hund verlässt mehr oder weniger eilig den Weg, genügt oft ein kurzes energisches NEIN! Wird das nicht gehört, steht man vor dem Problem, dass man einen Hund fürs Zurückkommen nie bestrafen darf, ihn aber fürs Abhauen auch nicht grade loben will. Eine „diplomatische Lösung“ wäre, ihn nach dem Zurückkommen eine Runde Sitz/Platz machen zu lassen und den Ausreisser oder die Ausreisserin DAFÜR zu belohnen. Und danach gibt's ein paar Minuten Auszeit an der Leine.


Das Fazit

Summa summarum sind die Spaziergänge mit einem Hund im Rüpelalter nicht das, was man reinste Erholung und Entspannung nennen würde. Weil man sich eigentlich ständig auf den Hund konzentriert, ihn immer im Auge behält, seine Absichten zu lesen lernt. Andererseits ist dieses intensive MITEINANDER spazieren Gehen sehr interessant, fördert die Mensch-Hund-Bindung ungemein - und die Investition kommt später -zigfach zurück.

Mit einem Hund, der auch nur eine geringfügige Jagdpassion hat, kann man wohl nie völlig achtlos und unaufmerksam spazieren gehen. Aber ein Hund - auch ein triebiger Hund - kann lernen, auf seinen Menschen und dessen Signale zuverlässig zu hören, weil er dieses „Hören“ als besonders lohnend betrachtet. Und ein Mensch kann lernen, seinen Hund so gut einzuschätzen, dass er in jeder Situation und in jedem Umfeld ein Gefühl dafür entwickelt, ob er seinen Hund auch ohne Leine unter Kontrolle behalten kann oder es sinnvoller ist, unter bestimmten Bedingungen den Hund lieber doch an die Leine zu nehmen.

Text: Romana Fürnkranz



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