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Hundeforum Der Hund
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Herdenschutzhunde / Hirtenhunde Haltungsbedingungen

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Eigentlich wollte ich hier nicht schreiben, aber ndachdem ich mir so einige Stereotypen mal wieder durchgelesen habe..... 

 

Vielleicht mal vorweg: Kangal und Akbas, im Grunde auch der anatolische Hirtenhund zählen nur bedingt und nur in der Form ihres Haupt-Einsatzgebietes zu den rassetypischen HSH. Denn im Gegensatz zu z.B. Pyrenäenberghund, Mioritc, Komondor, Bergamasker oder auch dem Kaukasischen Owtscharka, also den Mollosertypen, verfügen diese Rassen i.d.R. noch über einen durchaus ausgeprägten Jagttrieb und eine oft noch ausgprägte Aggilität (weshalb sie in der Türkei auch bei der Jagd Verwendung finden) der sie als klassichen Herdenschutzhund nur bedingt tauglich macht.  Genau der, also der Jagdtrieb ist der so ziemlich unerwünschteste Part einen HSH den man sich vorstellen kann, denn er steht im direkten Gegensatz zur eigentlichen Aufgabe: Die Herde verteidigen und sie unter keinen Umständen verlassen. Je nach Ausprägung des Jagdtriebs, ist das dann aber Glückssache oder vom dann eingreifenden Halter / z.B: Schäfer zu händeln. Darum werden diese Hunde, in unseren Breitengraden auch nicht als HSH eingesetzt. Ihr Verhalten im Bezug zur Umgebung ist schlicht zu unsicher. Auch ist ihr "Eigensinn" i.d.R. nicht so stark ausgeprägt wie bei anderen Rassen, weshalb man diese Hunde (eigentlich nur den Modehund Kangal)  auch öfters beim Agilitiy begegnet, was mit anderen HSH Rassen definitiv nicht möglich wäre. D.h. nicht, dass sie die Schutzaufgabe nicht sehr gut ausführen können. Sie sind nur nicht so spezialisiert wie andere Herdenschutzhunde. Im Gegensatz zur häufig anzutreffenden Aussage, dass HSH eigentlich als Hirtenhunde zu bezeichnen sind, würde ich da eher die klassische Definition anwenden: Molossoide Rassen, wie die oben angesprochenen sind "reinrassige" Herdenschutzhunde, die auf genau diese eine Aufgabe gezüchtet und selektiert wurden, während man agile und "multiverwendbare", aber durchaus  auch imposante Rassen wie den Kangal eher als Hirtenhunde bezeichnet. Liest sich ein wenig wie Klugscheissen, hat aber den Hintergrund zu verstehen, dass es nicht DEN HSH oder HIrtenhund gibt, sondern dass es auch unter diesen, gravierende Unterschiede gibt die sowohl ihr Wesen, als auch den Umgang mit ihnen teils völlig unterschiedlich macht.

 

ALLE HSH (egal welche Rasse) sind territorial veranlagt. Klar, denn ohne dass kann kein HSH seine Aufgabe wahrnehmen. 

Dieses territiorale Verhalten ist aber eher auf sein soziales Umfeld  (Herde, Gänse, etc. ) als auf ein tatsächliches, festes Territorium ausgerichtet. Das fällt natürlich nicht auf, wenn man an einem Ort bleibt (Garten), ist aber für das Verständnis ihres Verhaltens wichtig, wenn diese Hunde tatsächliche eingesetzt werden. Dann wandern sie mit dem Schäfer oder dem Viehtrieb mit, wobei sich ihr imaginärer Einflussbereich natürlich ständig mitbewegt und verändert.  Ein gut ausgebildeter und an der Herde sozialisierter HSH wird sich aber immer nur in seinem fest definiertem Umreis um seine Herde (welcher Art die auch immer ist) als seinem Territorium  bewegen. DAS und der fehlende Jagdtrieb macht es möglich, auch 70 Kilo Hunde bei höchster Anspannung und Abwehraktivität an einem 20 cm hohen Schafzaun zuverlässig stoppen zu lassen.

 

Leider mißverstehen viele Menschen das Abwehr- oder Agressionsverhalten von HSH. Gerne vor allem andere Hundehalter. Zwar sind sie bei Annäherung an ihr Territorium (und das ist nun mal der Dunstkreis ihres Rudels / ihrer Halter)  recht schnell auf 100, dann auf 120 und bei Nichtbeachtung auf 180, aber genau so schnell sind sie auch wieder völlig entspannt, wenn sich die Situation geklärt hat. Gut sozialisiert und / oder ausgebildete HSH haben aber eine enorm hohe Beissschwelle. Ein tatsächlicher Angriff ist in der Regel auch nicht nötig, weil allein ihre imposante Erscheinung ihre Kraft und vor allem die Lautstärke, wirkliche Kämpfe i.d.R. unnötig macht. Ein beissfreudiger Hund wäre sowohl für die Herde als solche, aber auch für den Hunde selbst gefährlich. Ein Hund der sich z.B: bei der Abwehr von Wölfen schnell in eine körperliche Auseinandersetzung begeben würde, würde erstens unterliegen, denn Wölfe arbeiten im Team und könnte zweiten dann natürlich die Herde nicht mehr schützen. Ein solcher Hund wäre schlicht wertlos und unnütz.

 

Und das HSH eigentlich die besten Familienhunde sind (ok, dass ist jetzt subjektiv gefärbt... sind eben die tollsten Hunde) ergibt sich, bei kurzem Nachdenken eigentlich von selbst:

HSH müssen, damit sie ihre Arbeit vernünftig ausüben können ein Höchstmass an Anpassungsfähigkeit und Einfühlungsvermögen besitzen. Immerhin verbringen sie, nicht selten oft ohne ihren Halter, sehr viel Zeit an, bzw. in der Herde. Sie werden förmlich Mitglied der Herde. Und das bedingt, dass sie sich möglichst vollständig in das soziale Gefüge einer beliebigen artfremden Herde einfügen müssen. Und sie dürfen das eigentliche Gefüge nicht stören oder beeinflussen. Anders wäre ihre Arbeit nicht möglich. Und der Mensch ist nicht nur mindestens eine Herde, sondern wie bei allen anderen Hunden auch ein Sozialpartner. Das, gepaart mit der Eigenart eigentlich aller HSH die allergrößten Kuschler dieser Welt zu sein (Im Winter gibt es nie kalte Füsse), macht sie eben (ein entprechender Umgang mit ihnen vorausgesetzt) zu ausgesprochenen Familienhunden. Es ist, im Gegensatz zu so manchem Jagdhund i.d.R. auch problemlos möglich, sie mit allen möglichen anderen Tieren, wie Katzen, Meerschweinchen o.Ä. zusammen leben zu lassen. Meist entwickeln sie für kleinere Tiere dann sowas wie eine Fürsorgeverhalten. Wichtig ist da aber, wie bei allen Hunden, eine vernünftige Sozialisation. Ein Hund der kaum Kontakt mit Menschen hat, wird auch sehr mißtrauisch gegenüber Menschen sein. Will man das nicht, MUSS man sie unbedingt und gezielt auch Menschen sozialisieren. Hält man ihn als Familienhund, sollte das eigentlich automatich passieren oder man macht entschieden etwas falsch. Das passiert aber nicht, wie hier jemand geschrieben hat, automatisch. Ein HSH der nur in einer Herde lebt, wird JEDEN, egal ob Hund, Fuchs, Wolf oder auch Mensch als potentielle Gefährdung einstufen und entsprechend reagieren, denn genau dazu wurden sie teils über Jahrtausende gezüchtet und selektiert.

 

Bleibt noch der immer wieder genannte Eigensinn. Da kann man nur sagen: Wer Katzen sehr mag, wird HSH lieben. Wobei es einen gravierenden Unterschied gibt: Auch wenn HSH sehr eigensinnig sind, bzw. sich nicht der Willkür menschlicher Halter unterwerfen (wohl ein Punkt warum will to please Hunde, bzw. Hunde überhaupt so beliebt sind .... Endlich jemand der macht was man will, egal wie unsinnig das auch sein mag.) sind sie als sehr soziale Tiere natürlich kooperativ. Das aber nicht im Sinne von Befehlsempfängern, sondern im Sinne eines Mitglieds im sozialen Verbund. Sie haben wie viele andere Hunde ein sicheres Gespür für die Gemütslage ihres menschlichen Partners (Partner dürfte die Verbindung von HSH zu Mensche wohl am ehesten beschreiben) und reagieren entsprechend. Es ist überhaupt kein Problem einen solchen Hund (im Rahmen der für ihn sinnvoll erscheinenden Handlungen) zu irgendwas zu bewegen. Oft eben nur nicht in Form eines Kommandos, sondern im Rahmen der (hoffentlich vorhandenen) intellektuellen Überlegenheit des Menschen dem Hund zu vermitteln, das der Hund auch will was Mensch will. Findet Hund (sozial) sinnvoll etwas gewünschtes zu tun, wird er es tun. Zwingt ihn seine genetische Bestimmung aber zur Handlungen die seiner eigentlichen Aufgabe entsprechen, dann muss man sich auf den Hund einlassen und kann nicht einfordern. Soll heissen: Wenn ein HSH z.B. der Meinung ist, irgendetwas in seiner Umgebung müsse gesichtet und gesichert werden, dann wird er es tun. Und niemand hält ihn davon ab. ABER man kann ihn im Rahmen einer vernünftigen Kooperation "abholen". Geht man zu ihm und löst die Situation (was ab und an schon etwas peinlich sein kann... aber da muss man als HSH Halter durch), dann wird sich sein Verhalten schneller als bei jedem anderen Hund normalisieren. Hat die Natur wohl so eingerichtet, damit diese Rassen trotz grosser Aufregung nicht reihenweise am Herzinfakt sterben. 

 

Und nein, die Hunde brauchen, trotzt ihrer teils enormen Größe KEINEN fussballplatzgroßen Garten und 3 Std. Auslauf täglich. Sie brauchen auch keine Herde von mindestens 20 Schafen pro Hund. Oder einen Hügel von dem aus sie alles beobachten könnten (Unser Garten müsste dann nur aus Hügeln bestehen). Sie brauchen, wie andere Hunde einfach nur ausreichenden Auslauf und eine, ihrer Größe entsprechende Unterbringung, bzw. Behausung. Da viele dieser Hunde Kälte sehr mögen (unsere Komondorok lassen sich im Winter auch gerne mal einschneien) und sich gerne mal spielerisch raufen (was bei ihnen oft gefährlicher aussieht als es ist) sollte eine Garten vorhanden sein. Nur in der Wohnung ist meiner Meinung nach nichts für sie. Nach mehren HSH verschiedener Rassen, sorgt ein Garten nicht selten auch für mehr Wohlbefinden beim Halter... So große, bis 70 Kilo schwere Hunde können Flatulenzien verursachen, die Ihresgleichen suchen. Ein Garten ist dann gefühlt lebenserhaltend. 

 

HSH sind im Grund genau wie andere Hunde auch. Sie gehören sogar zu den ältesten Hundetypen die mit den Menschen gelebt haben. Man muss sich nur auf ihre,  bewußt gewollten Eigenarten einlassen, bzw. diese mögen und entsprechend mit ihnen umgehen. Dann sind sie nicht mehr oder weniger gefährlich oder berechenbar wie jeder andere Hund auch. Tut man das nicht, geht es genau so schief wie bei ausgesprochenen Jagdhunden die als Schoßhund mit kaum Auslauf gehalten werden oder mit ausgewiesenen Hütehunden, die in keinster Weise ausgelastet sind, bzw. vernünftig beschäftigt werden.

 

Aber mit HSH oder Sokas verhält es sich genau so wie mit Spinat. Irgendjemand erzählt irgendeinen Bockmist, den andere Leute glauben...  und selbsternannte Experten dann auch noch verfestigen und es ist fast unmöglich, den Blödsinn aus den Köpfen zu bekommen, selbst wenn die "Experten" irgendwann ihren Bockmist revidieren.

 

@Freefalling

 

Wir haben jetzt seit einiger Zeit.... so ca. 15 Jahre ausschließlich mehrere HSH.. vom Komondor, Kuvaz  über Mioritic bis Kangal. Mit eigentlich allen und auch mit mehreren gleichzeitig konnte sogar unsere Tochter allein auf HURU gehen und sie tut es noch heute. Und keiner dieser Hunde wurde übermäßig sozialisiert oder ganz besonders trainiert. Ganz im Gegenteil haben wir immer ausschließlich Hunde,  die aus dem Tierschutz kommen. i.d.R. also gerade keinen guten Hintergrund haben. Genau wie bei allen anderen Hunden läßt sich da mit viel Liebe und dem der Rasse entsprechenden Umgang eigentlich immer ganz viel erreichen. So wie bei allen anderen Hunderassen auch. Leider gibt es unter den HSH Haltern, genau wie bei den SOKA Haltern immer such diesen bestimmten Prozentsatz an Haltern, die diese Hunde mit eben genau der Erwartungshaltung der Gefährlichkeit anschaffen. Und natürlich entsprechen viele der Hunde von diesen Leuten genau diesem "erwarteten" Bild. Aber nicht. weil die Hunde grundsätzlich so sind, sondern weil man in der Regel genau das bekommt, auf das man in seiner Erwartung hinarbeitet. Weder diese Leute, noch deren Hunde sind ein repräsentativer oder aussagekräftiger Maßstab. Es ist bestenfalls ein Beweis dafür, was Dumme Menschen mit ihrer Dummheit, bei grundsätzlich tollen Tieren anrichten können.

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@Herdifreund Ich selbst habe kaum eine Ahnung von HSHen, ihren Besonderheiten und Eigenarten - und genau deshalb bin ich (ungewollt zwar) empfänglich für die von dir erwähnten "Experten" Geschichten über diese imposanten Hunde.

Genau deshalb danke ich dir für deine Erklärungen - super, dass du sie uns gegeben hast, obwohl du ja zunächst darauf verzichten wolltest.

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@Herdifreund danke dass du dir die Mühe gemacht hast.  Ich hätte das so so detailliert und sachlich nicht schreiben können, kann aber jedem Satz von dir nur zustimmen.  Wir leben seit über dreißig Jahren mit Herdis und ja, sie sind auch für mich die tollsten Hunde und meine große Liebe.

@Renegade  zumindest zwei HSH hast du auch gekannt. Kannst du dich noch an den kleinen Pyri Welpen erinnern, der deine Jolly genervt hat? Und seine große "Schwester"?

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vor 9 Stunden schrieb Schwarzweiss:

@Renegade  zumindest zwei HSH hast du auch gekannt. Kannst du dich noch an den kleinen Pyri Welpen erinnern, der deine Jolly genervt hat? Und seine große "Schwester"?

 

Wir gingen zu Zeiten von Jolly und auch Selma ziemlich regelmässig mit 1-2 HSH spazieren.

Es wurde auch viel über ihre Eigenheiten erzählt von den Haltern. Und in Spanien sind seit einiger Zeit Mastíns und Mastín Mixe groß in Mode. Manche Ziegenhirten haben auch welche dabei. Aber deswegen habe ich trotzdem nicht viel Ahnung. Nur weil ich welche gekannt habe.;)

Mit deinem Post bringst du mich jetzt echt ins Grübeln  :think: - kannst du mir bitte auf die Sprünge helfen?

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@Schwarzweiss Der Groschen fällt in kleinen Stückchen.....genau genommen habe ich mind. 3 HSH gekannt im Nordschwarzwald: einen Kuvasz, Orso, das Sofa, und Ayla, die sich mit Selma gefetzt hat. Bin ich da auf der richtigen Fährte? Würde mich sehr freuen! :)

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@Renegade Bist du. Wir haben immer noch eine HSH Hündin, nur Orso hat uns einen Mini als Nachfolger geschickt. 

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