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Hundeforum Der Hund
Freefalling

~*~*~Adventskalender 2019~*~*~

Empfohlene Beiträge

Mit drei Tagen Verspätung, aber so ungefähr passt die Geschichte noch ...

 

Die Adventskerze

 

 

Es war Vorweihnachtszeit und bei vielen Menschen Tradition, ein Adventsgesteck oder einen Adventskranz zuhause aufzustellen.

Die, die es schlicht mochten, nahmen dafür eine dicke Kerze und legten etwas Tannengrün und ein paar Beeren des Waldes drumherum. Andere verzierten ihre Gestecke viel großzügiger und man sah große, wunderschöne Schleifen und Sterne, die beim Anzünden der Kerzen glitzerten und funkelten.

Immer häufiger lösten heute LED-Kerzen die natürlichen Kerzen aus Wachs ab. Bei den LED-Kerzen gab es nur einen kleinen Schalter und schon brannte ein kleines künstliches Licht.

Es war der erste Adventssonntag.

Der Frühstückstisch war schön gedeckt und frische Brötchen standen auf dem Tisch. Ein wunderschöner Adventskranz aus duftendem Tannengrün mit vier dicken roten Kerzen und Schleifen stand genau in der Mitte des Tisches, wo sonst immer Butter, Aufschnitt und Marmelade standen.

Ein kleines rotes Deckchen mit aufgestickten glitzernden goldenen Schleifen lag unter dem Adventskranz. Das diente nicht nur der Zierde, sondern man wusste ja nie, ob nicht doch mal etwas Wachs runter tropfte, oder die Tannennadeln zu schnell vertrockneten und anfingen zu rieseln.

Meine Mutter hatte mich und meinen Bruder geweckt. Mein Bruder, etwas älter als ich, guckte wie immer am Morgen völlig verschlafen in die Welt. Eigentlich hatte er weder Lust aufzustehen, noch gute Laune zu zeigen. Er war ein Morgenmuffel, der nach dem Aufstehen möglichst seine Ruhe haben wollte

Ich, ein sechsjähriges Mädchen mit schulterlangen mittelbraunen Haaren dagegen war wach und innerhalb von Millisekunden ganz da und voller Tatendrang.

Es war doch Advent und heute durfte die erste Kerze angezündet werden. Schnell lief ich ins Bad, mehr als Katzenwäsche würde es heute aber nicht geben, und sprang die Treppe herunter, immer zwei Stufen auf einmal. Wie gut, dass mich keiner sah, denn spätestens das würde Ärger geben. Man hüpfte nicht die Treppe herunter, auch wenn die Haare dabei noch so schön wippten, man ging vorsichtig und das Stufe für Stufe.

Einer Sechsjährigen fiel das aber auch immer erst dann wieder ein, wenn sie unten angekommen war.

Ich lief in die Küche.

Eigentlich und an normalen Sonntagen wurde hier der Frühstückstisch gedeckt.

Es gab viele viele normale Sonntage, aber nur ganz wenige besondere Sonntage.

Bei einem Geburtstag, oder zu Ostern, das waren so besondere Sonntage, frühstückten wir im Esszimmer.

Allein daran, ob jetzt in der Küche oder im Esszimmer gefrühstückt wurde, konnte ich schon merken, ob ein besonderer Sonntag war, falls ich es vergessen hatte.

Heute war der Küchentisch leer. 

Ich öffnete also die Tür zum Esszimmer und fand den ersten Adventsfrühstückstisch in diesem Jahr vor, was schon wieder etwas Besonderes war.

Ich war ja erst sechs und an so viele Adventsfrühstückstische in meinem Leben konnte ich mich noch nicht erinnern.

Meinen Platz, ich saß immer rechts von Papa, hatte ich schnell gefunden. Jeder wusste wo er hin sollte, was man an den unterschiedlichen Frühstücksbrettchen ausmachen konnte. Mein Bruder saß mir gegenüber und neben meiner Mutter. Wer diese Ordnung mal eingeführt hatte weiß ich nicht, aber wir fühlten uns wohl dabei. Wir Kinder hatten Brettchen mit Sesamstraßen-Motiven. Mein Bruder hatte Bert und ich Ernie. Die Erwachsenenbrettchen waren schlicht kariert, eins in rosa für Mama und eins in blau für Papa. Heute, zur Feier des Tages, standen für die Erwachsenen aber Teller aus Porzellan bereit.

Mein Ernie-Brettchen fand ich toll. Ich mochte den Ernie, der immer so witzig kicherte. Bert war oft so ernst und verdrehte die Augen, wenn Ernie Blödsinn gemacht hatte. Der passte viel besser zu meinem Bruder, der mir gegenüber auch öfters die Augen verdrehte, wenn ich etwas ausgeheckt hatte.

So setzte ich mich an meinen Platz und wartete da drauf, dass auch der Rest der Familie an den vorweihnachtlich gedeckten Tisch mit dem schönen Adventskranz und den extra dazu gelegten Weihnachtsservietten kam.

Mama holte noch kurz den heißen Kakao für uns Kinder, den es auch nicht jeden x-beliebigen morgen gab und endlich waren wir alle beisammen.

Mama griff in ihre bunte Küchen-Schürze, die sie immer trug, wenn sie in der Küche gewerkelt hatte und beförderte ein kleines Streichholzkästchen aus einer der Taschen heraus.

Dieses kleine Streichholzkästchen wurden gehütet wie ein Augapfel.

Mein Vater hatte schon oft zu uns gesagt, wie gefährlich Feuer in Kinderhänden ist und dass es auch immer wieder Unfälle mit Bränden gegeben hatte. Heimlich und vor lauter Neugierde hatten die Kinder ein Streichholz angezündet und vor Schreck vor den zündelnden Flammen das Stäbchen fallen gelassen .

"Messer, Gabel, Schere, Licht taugt für Kinderhände nicht". Dieser Spruch kam dann immer an der Stelle, wenn meine Mutter oder mein Vater das Streichholzkästchen zur Hand nahmen und an der ernsten Stimme und dem Blick, der uns dann festhielt, merkten wir Kinder, wie wichtig ihnen das war, dass wir Kinder verstanden, dass Feuer kein Spielzeug ist.

Mit großen Augen schaute ich zu meiner Mutter, die das Streichholzschächtelchen meinem Vater übergab. Der wiederum öffnete es, hielt kurz ein, drehte sich zu mir und sagte: "Willst du es heute mal versuchen?"

Auweia!

Ich, die Mutige, die gerade noch zwei Stufen auf einmal die Treppe runter gehüpft war, wurde ganz still. Ich schaute meinen Vater mit ängstlichen Augen an.

Mein Vater, der genau merkte, wie unsicher ich war, strich mir mit seiner warmen Hand über die Wange und sagte: "Du musst keine Angst haben, ich bin ja hier und helfe dir!"

Vorsichtig zog er die kleine graue Schachtel aus dem Streichholzkästchen, in dem sich die Hölzchen mit den roten Schwefelköpfen befanden und hielt es mir entgegen.

Noch zögernd griff ich hinein und nahm eines der kleinen Hölzchen heraus. Ich hielt mir das Hölzchen noch einmal vor die Augen, um es genau anzuschauen. So aus der Nähe hatte ich es vorher ja nie betrachten können. Eigentlich sah es ziemlich ungefährlich aus, aber ich wusste ja auch, dass es erst dann, wenn es brannte, gefährlich war.

Mein Vater hielt mir die Streichholzschachtel entgegen. "Da, an den Seiten, da musst du entlang streichen, damit es brennt und fass schön weit hinten an, sonst wird es schnell heiß an den Fingern."

Schnell schaute ich noch zu meiner Mutter und zu meinem Bruder rüber, die mich freundlich anlächelten.

Mit einem "Ratsch" ließ ich das Hölzchen über die Zündfläche gleiten und mit einem kurzen Knistern erschien eine große Flamme, die zuerst blau aufleuchtete und dann ein klein wenig in sich zusammensackte, um dann in einem tiefen gelb weiter zu brennen.

Was ich noch nie vorher bemerkt hatte, es gab einen kleinen dunklen Tropfen in der Flamme, die sich nun vor meinen Augen ganz leicht bewegte.

"Aus!"

Mein Vater hatte das Streichholz ausgepustet. In meiner Faszination um die Flamme hatte ich gar nicht bemerkt, wie weit das Streichholz schon runtergebrannt war und hätte er nicht gepustet, hätte ich mir die Finger verbrannt.

Auf was man auch alles achten musste, wenn man so ein Streichholz entzündet.

"Wir nehmen noch eins und dann zündest du die erste Kerze an", sagte er mein Vater zu mir.

Und so strich ich wieder mit einem neuen Zündhölzchen über das Kästchen und ganz vorsichtig, damit auch ja die Flamme nicht aus ging, zündete ich die erste der vier dicken roten Kerzen an.

Der lange Docht flackerte ein wenig, als die Kerze Feuer nahm, um dann in ein ruhiges warmes Licht überzugehen. Dieses Mal pustete ich selbst das Streichhölzchen aus.

Die Kerze tauchte das Esszimmer in ein warmes helles Licht, doch das Strahlen in meinem Gesicht über den Erfolg und sie anzünden zu dürfen, war heller.

Sogar mein Bruder, der ja eigentlich morgens eher muffelig war, freute sich mit mir.

Und so sah man vor vielen Jahren ein kleines sechsjähriges Mädchen behütet und noch lange im Kreis ihrer Familie am Adventsfrühstückstisch sitzen und eine dicke rote Kerze beobachten.

Ein klein wenig erwachsener war sie heute geworden und sie hatte Verantwortung übernehmen dürfen. Die Wärme und das Gefühl von Behaglichkeit, welches diese besondere Adventskerze, die sie hatte anzünden dürfen, verströmt hatte, nahm sie mit als Erinnerung in ihr Erwachsenenleben und auch heute, nach vielen Jahren, roch sie immer noch gerne den Schwefelduft des Hölzchens, der die erste dicke rote Adventswachskerze knisternd zum Brennen brachte.

 

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Ich teile mit euch eine Plattdeutsche Geschichte, die ich jedes Jahr gerne erzähle. Ich weiß gar nicht, ob sie es letztes Jahr ins Forum geschafft hat. Aber selbst wenn… man kann sie wohl immer wieder erzählen. Nach dem Plattdeutschten Text, findet ihr eine deutsche Übersetzung von mir, die hoffentlich ebenso lustig ist.

 

Wiehnachten

"Düsse Geschicht, leeve Frünnen, heurt sick lögenhaftig an, avers se is wohrhaftig passeert. Affspeelt hett se sick in de Stadt. De Nam'n vun de Lüüd, de de Hauptrull speelen, nenn ick mal Opa un Oma.

 

De beiden harrn sick so'n oole Bredderbood köfft, un de harr Opa in all de Johr'n üm- un anbuut. Un mit de Tied harr he dor so'n richtig smukke un kommodige Villa rechtklötert. To'n Schluss harr Opa denn ook noch för so'n beten Komfort sorgt: De Pump keem von buten in de Dör, un vor de Huusdör sett he 'nen groten Windfang. Dor harr he ook noch'n Lokus ünnerkreeg. Un Winterdags bruk sick keen mehr wat afftofreern.

 

Oma un Opa ehr Kinner beseuken de beiden aff un to un vertellten jüm oftmals von den neegsten Stand vun de Technik, un wat se sick allens anschafft harrn. Mol vertellten se von ehren "Fondue-Apparat", den se sick köfft harrn un wo scheun dat weer un wo kommodig. Dat een den ganzen Avend davör sitten kunn, sick wat vertellen un'n Glas Wien dorto drinken kunn. Also 'n feine Saak. So harrn se de oolen Lüüd neescherig mokt, un to Wiehnachten loten se sick nu vun de Kinner so'n Ding schenken. Se harrn allens mitbröcht, den Pott, den Ünnersatt, de Spritlamp, Töller, Gabels, Fett, Sprit und sogor een Buddel Wien. Bevor se güngen, harrn se ehre Öllern genau verkloort, wo de Saak funkschoneern dä.

 

Nun wollen Oma un Opa dat glieks to Silvester utprobeern. Opa fung an un mookt den Apparat klar. He füll de Spritlampe op un dä dat Fett in den Pott, Oma deckt den Disch, steekt de Lichter an un mokt de Boddel Wien op. De beiden Oolen harrn sick dat so richtig kommodig mookt. Un dat güng ja ok allens ganz good, bit Opa sick mol so'n beten tüffelig anstellen dä. Em weer en Stück Fleesch von de Gabel fullen un in dat Fett rin. He angel un angel un kreeg dat Fleesch nich to faaten. Dor leeg he de Gabel hin un lang mit de Finger in dat Fett.

 

Nu weer wat los, Opa brüll up, reet mit de Hand den Pott vun den Ünnersatt un jaul as so'n verleevten Kooter, den siene Bruut utbüxt is. He danzt up een Been dör de Stuuv as de Kinner bien Hinkepott speelen. Mit de Gemeudlichkeit harr dat nu een Enn. Opa reet de Husdöör op, un aff güng dat no'n Doktor.

 

Wie Opa nu weg weer, mook Oma eerstmool Inventur: Vun Disch weer de Politur in Ammer, de Deck, de Stohl un de Teppich weern full Fettplacken. Een Glück, dat dat Öl keen Füer fungen harr. Anners weer vielleicht noch de ganze Kaat afffackelt... Vun Fondue harr Oma de Nees bit bobenhen full, un so kippt se dat hitte Fett mitsamt Fleesch un Sprit in n Goldammer. Just as se sick een beten verpuusten wull, keem Opa na Huus. De ganze Hand harr'n se em verbunnen un gegen de Wehdag harr een Sprütt kregen. De Schreck weer Opa woll so'n beten op den Maagen slaagen, denn mit een Mol möst he ut de Büx. He harr'n Barg Last dormit, de Büx daal to trecken. Avers he kreeg dat trecht. Denn fummel he mit sien heele Poot sien Smöktüüg ut de Tasch. Mit de Piep mang de Tähn, den Tabaksbüdel twischen de Been un de Rietsticken ünnern Arm kreeg he sien Knösel to'n Dampen. Denn smeet he den brennenden Rietsticken twischen siene Been dörch, an den Spaaßmoker vörbi, in den Goldammer. "Rumms" sä dat, un een Stichflamm schött ut den Ammer ruut un versengel Opa den Achtersten un noch wat mehr. Opa brüll, as wenn he affsteeken weer. He sprüng hoch vun sien Thron un ruut ut de Döör. Sien Hemdslippen brennen lichterloh. Oma sä de Bescheerung, gräp sick den neegsten Ammer full Woter un swupp kreeg Opa tein Liter vorn Mors. Nu sä sien Achtersten so schier ut wien affblöckert Entenmors.

 

De Doktor schick em in't Krankenhuus un dor hebbt se em dat Fohrgestell so beplostert, datt he sick 14 Doog nich krumm moken kunn. De meiste Tied dach he op'n Buuk doröber na, woso de Goldammer explodeeren kunn. Naher harr Oma em alln's vertellt, un de Fondue-Apparat steiht nu op'n Spitzböön."

 

 

 

Hochdeutsch:

Weihnachten

„Diese Geschichte, liebe Freunde, hört sich lügenhaft an, aber sie ist wahrhaftig passiert. Abgespielt hat sie sich in der Stadt. Die Namen der Leute, die die Hauptrolle spielen, nenne ich mal Opa und Oma.

 

Die beiden hatten sich so eine alte Bretterbude gekauft, und da hat Opa in all den Jahren immer etwas an- und abgebaut. Und mit der zeit hatte er dort so eine richtige schmucke und gemütliche Villa zurechtgehämmert. Zum Schluss hatte Opa dann auch für ein bisschen Komfort gesorgt: Die Pumpe kam von draußen durch die Tür und vor der Haustür hatten sie einen großen Windfang. Da hatte er auch noch einen Lokus unterbekommen. Und an Wintertagen brauchte er sich dort nichts mehr abzufrieren.

 

Oma und Opas Kinder besuchten die beiden oft und erzählten ihnen oftmals vom neusten Stand der Technik, und was sie sich alles angeschafft hatten. Mal erzählten sie von einem „Fondue-Apparat“, den sie sich gekauft hatten und wie schön das wäre und wie gemütlich. Das man einen ganzen Abend davor sitzen könnte, sich was erzählen und ein Glas Wein dazu trinken könnte. Also eine feine Sache. So hatten die alten Leute neugierig gemacht, und an Weihnachten ließen sie sich von den Kindern so ein Teil schenken. Sie hatten alles mitgebracht, den Topf, den Unterstand, die Spritlampe, Teller, Gabeln, Fett und Sprit und sogar eine Falche Wein. Bevor sie gingen hatten sie ihren Eltern genau erklärt, wie die Sache funktioniert.

 

Nun wollten Oma und Opa das gleich zu Silvester ausprobieren. Opa fing an und machte den Apparat fertig. Er füllte die Spritlampe auf und tat das Fett in den Topf, Oma deckte den Tisch, steckte die Lichter an und machte die Flasche Wein auf. Die beiden Alten hatten sich das so richtig gemütlich gemacht. Und das ging ja auch alles ganz gut, bis Opa sich mal so ein bisschen ungeschickt anstellte. Ihm war ein Stück Fleisch von der Gabel ins Fett gefallen. Er angelte und angelte und bekam das Fleisch nicht zu fassen. Da legte er die Gabel hin und langte mit den Fingern in das Fett.

 

Nun war was los, Opa brüllte auf, riss mit der Hand den Topf vom Unterstand und jaulte wie ein verliebter Hund, dem seine Braut ausgebüxt ist. Er tanzte auf einem Bein durch die Stube, so wie die Kinder Hinkepott spielten. Mit der Gemütlichkeit war das nun zu Ende. Opa riss die Haustür auf und ab ging das zum Doktor.

 

Wie Opa nun weg war, machte Oma erst einmal Inventur. Vom Tisch war die Politur im Eimer, die Decke, der Stühl und der Teppich waren voller Fettflecken. Ein Glück, dass das Öl kein Feuer gefangen hatte. Ansonsten wäre noch die ganze Küche abgebrannt. Vom Fondue hatte Oma die Nase nun bis oben hin voll, und so kippte sie das heiße Fett mitsamt dem Fleisch und dem Sprit in den Goldeimer (Toilette). Gerade als sie sich ein bisschen verpusten wollte, kam Opa nach Hause. Die ganze Hand hatte er verbunden und gegen die Schmerzen eine Spritze bekommen.  Der Schreck war Opa wohl ein bisschen auf den Magen geschlagen, denn auf einmal hatte er die Hose aus. Er hatte eine Last damit, die Hose überhaupt auszukriegen und runter zu zuziehen. Aber er bekam das wohl hin. Dann fummelte er mit seiner heilen Pfote sein Rauchzeug aus der Tasche. Mit der Pfeife zwischen den Zähnen, dem Tabakbeutel zwischen den Beinen und den Streichhölzern unterm Arm, bekam er seine Pfeife zum Dampfen. Dann schmiss er das brennende Streichholz  zwischen seine Beinde durch, an seinem Spaßmacher vorbei, in den Goldeimer.

„Rumms“, machte das, und eine Stichflamme schoss aus dem Eimer raus und versenkte Opa sein Hinterteil und noch ein bisschen mehr. Opa brüllte, als wenn er abgestochen würde,. Er sprang hoch von seinem Thron und raus aus der Tür. Seine Hemdsenden brannten lichterloh. Oma sah die Bescherung, griff sich den nächsten Eimer voller Wasser und schwupp bekam Opa 10 Liter Wasser vor den Hintern. Nun sah sein Hinterteil so sauber aus, wie ein gerupfter Entenhintern.

 

Der Doktor schichte ihn ins Krankenhaus und da hatten sie sein Fahrgestellt so gepolstert, dass er sich 14 Tage lang nicht bücken konnte. Die meiste Zeit dachte er darüber nach, wieso der Goldeimer denn nur explodieren konnte. Nachher hatte Oma ihm alles erzählt und der Fondue-Appart steht nun auf dem Spitzboden.

 

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Türchen Nr. 6

 

Keksnotstand und Wolkenrudel

Das Schattenwölfchen auf geheimer Mission

 

Väterchen Frost lässt heute einen kräftigen Hauch seines kühlenden Atems über unser Viertel niedergehen. Das bunte Laub, das den Boden unserer Wege bedeckt, verziert er mit kristallinen Schmuckrändern, die Grashalme kleidet er in ein eisiges Gewand, und Nebel verhüllt die Weiten unserer Wiese, als käme sie aus einer anderen Welt. Die Elben tanzen heute in unserem Wäldchen. Und als wir mit durchgefrorenen Knochen wieder in die wohlige Wärme unseres Heims zurückkehren, das Schattenwölfchen ordentlich abgerubbelt ist und meine verkühlten Zehen langsam wieder zu kribbeln beginnen, rücke ich meine imaginäre Brille auf der rot angelaufenen Schniefnase zurecht, hole – rein des dramatischen Effekts wegen – das dickste Märchenbuch aus dem Regal hervor und bitte das Schattenwölfchen zum Gespräch auf meine seit Tagen schon Tapser für Tapser klammheimlich in seinen Besitz übergehende Flanelldecke hinüber.

„Saga, Polarsternchen, pass mal gut auf; wir müssen uns über ein wichtiges Thema unterhalten.“

„Oh ja, liebe Zweibeinmama, gut, dass du es endlich ansprichst. Ich hatte schon befürchtet, der schwindende Füllstatus meiner Keksvorratsdose würde dir ernsthaft entgehen.“

Angesichts ihrer gewichtig dreinblickenden Miene bleibe ich erst einmal verdattert zurück. „Wie, deine Keksdose…? Ach, du denkst, das wäre der Grund…? Nein, nein, du kleiner Vielfraß! Der Nikolaus! Über den Nikolaus wollte ich mit dir sprechen!“

Jetzt liegt es wohl an ihr, verdutzt dreinzuschauen – und vielleicht sogar ein wenig vorwurfsvoll. Welch Schelm. „Wirklich, über den Nikolaus? Aber Zweibeinmama! Ich dachte, eine seriöse Unterhaltung von welterschütterndem Gewicht stünde gerade an. Und stattdessen willst du einfach ein wenig über das Zweibein des Wolkenrudels plaudern…“

„Du lieber Himmel, Saga, du hast ja eine blühende Phantasie. Was hat der Nikolaus denn mit irgendeinem ominösen Wolkenrudel – an was eigentlich? – zu tun?! Hast du denn vergessen, was wir letzten Advent besprochen haben?“

Saga seufzt aus tiefster Seele und verdreht die frechen Knopfäuglein. „Mitnichten, Mütterchen. Weiß ich noch alles sehr genau.“ Sie holt tief Luft und beginnt unter meinen ungläubigen Blicken, brav und mit bedeutungsschwangerer Stimme ihre ganz eigene Version meiner Geschichte zu rezitieren:

 

„Der sechste Dezember ist jener Tag im Advent, an dem der fliegende Schlitten des Wolkenrudels beladen mit Kauknochen, Zergeln, Quietschleuchtbällen, Körbchen, Flanellkissen, fangfertigen Kaninchen und anderen milden Gaben von den acht himmlischen Wölfen zu allen charmanten Hundekindern dieser Welt gefahren wird, um ihnen mit einer heimlichen, nächtlichen Überraschung eine kleine Freude zu bereiten und sie für die vielen harten Opfer, die sie alltäglich für ihre unselbstständigen, tollpatschigen und naiven Zweibeins erbringen müssen, zu entschädigen. Da die Himmelswölfe selbst sehr vorbildlich sind, nehmen sie ihr eigenes Zweibein, das sie gemeinhin Nikolaus rufen, auf diese Reise selbstredend mit. So ein soziales Lebewesen wie das Zweibein darf man ja nicht allzu lange ohne Ausgang und Gesellschaft zuhause allein lassen – und alt, gebrechlich und dement, wie ihr Zweibein mittlerweile ist, muss es ohnehin unter ständiger Aufsicht stehen, will man seiner natürlichen Fürsorgepflicht ordentlich nachkommen. Hach ja. Ausreichend Proviant in Form einer Bagage besonders aromatischer und weihnachtswürziger, leuchtend rotnasiger Rentiere führt das Wolkenrudel auf seiner Mission natürlich auch mit sich mit. Und wenn man ein besonders liebliches und keckes Schattenwölfchen war, darf man mit etwas Glück und jeder Menge weiblichen Charmes vielleicht sogar ein saftiges Schenkelchen vom sagenumwobenen Rudolf persönlich anknabb…“

 

Spätestens jetzt schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen und breche das haarsträubende Schwadronieren des Schattenwölfchens entschieden ab. „Saga, du kleine Pflaume, was erzählst du denn da? Wie kann man sich nur derart unverfroren eine eigene Wahrheit stricken?!“

Die so Gescholtene blickt bemüht unschuldig und heimtückisch-verstohlen betroffen drein. „Oh. Also geht der fliegende Schlitten mit dem Nikolaus drauf nicht heute Nacht noch auf seine weite Reise? Und Rudolf, das Rentier, kommt auch nicht vorbei?“

Zähneknirschend muss ich ihr wohl ein Zugeständnis machen. „Naja, das habe ich nun auch nicht gesagt. So gesehen stimmt das schon. Aber…“ Und weiter komme ich erst gar nicht; denn begeistert wedelnd springt der flippige Wirbelwind in die Höhe, strahlt mich euphorisch an und bricht in Jubelstürme aus – wobei er ganz obligatorisch voller Tatendrang über meine Haare krabbelt, mein Gesicht von oben bis unten abschleckt und mir seine Krallen fröhlich auf die Nase knallt. Und während ich versuche, einen letzten Rest Würde und ein wenig körperliche Unversehrtheit in dieser leicht misslichen Lage zu verteidigen, klingelt mir sein Freudenlied in den Ohren:

„Das Ru-del kommt samt Ni-ko-laus! Das Rudel kommt samt Ni-ko-laus! Das Ru-del kommt samt Ni-ko-laus, und sein Ru-dolf, der kommt aaaaauuuuch!...“

Es dauert eine geraume Weile, bis die Wogen der Begeisterung sich so weit glätten, dass ich wieder zu Atem kommen, meine zerzauste Mähne richten und die Aufmerksamkeit des quirligen Fellknäuels zurückerlangen kann. Aus Gründen des Selbstschutzes beschließe ich, an dieser Stelle Fünfe gerade sein zu lassen und mich nicht auf eine Debatte um Details (die ich ohnehin wie üblich nur verlieren könnte) einzulassen, sondern ihre beglückte Grundstimmung zu nutzen, um zu des Pudels Kern, den ich eigentlich anvisierte, vorzudringen. Sowie das Schäferkindchen wieder aufnahmefähig ist, fahre ich also fort:

„Vielleicht erinnerst du dich ja auch, was ich dir letztes Jahr noch zu erklären versucht habe: Bei seinen guten Taten braucht der Nikolaus manchmal unsere Unterstützung. Wir sollten uns an ihm ein Beispiel nehmen und ihm dabei helfen, Gutes zu tun und anderen ein wenig Freude und Hilfe zu bringen.“

Wie eine Sphinx liegt das Schattenwölfchen vor mir und starrt mich mit großen, verdutzten Augen an. Geschult, wie ich bin, erkenne ich an ihrem Blick, wie die vielen, aktiven kleinen Zahnrädchen ihres wachen Geistes überaus fleißig rattern. „Gute Taten? Nikolaus? Was für gute Taten vollbringt denn der Nikolaus…“ Und siehe da - langsam dämmert ihr wohl etwas. Gespannt warte ich ab. „Ach so, Zweibeinmama! Du meinst die mildtätigen Rudelaktivitäten, denen der Nikolaus beiwohnen darf! Und wir sollen uns dann wohl an der Freundlichkeit der Himmelswölfe ein winzig kleines Beispiel nehmen!“ Erleichtert seufzt sie auf und bedenkt mich gnädig mit einem gütigen wohlwollenden Blick. „Entschuldige. Manchmal sprichst du in Rätseln. Wie gut, dass ich sie alle knacke, Zweibeinmama. Ein anderes Schattenwölfchen hätte da wohl wahrlich seine liebe Mühe mit dir. Aber nun verstehen wir uns ja.“

Langsam bin ich mir selbst nicht mehr sicher: Sollte ich amüsiert oder verärgert sein? Halb belustigt, halb unwirsch hake ich wieder ein. „So ungefähr, Saga, ja. Ich habe mich jedenfalls gefragt, ob wir nicht diesem Tag zu Ehren auch etwas Gutes für andere tun wollen. Als ehrenamtliche Aushilfsweihnachtswichtel, sozusagen.“

„Du meinst: als Aushilfshimmelswölfchen.“, berichtigt Saga mich geduldig. Dann denkt sie kurz nach. „Ja, Zweibeinmama, Aushilfshimmelswölfchen wäre ich gern. Doch wie sollen wir das werden? Was meinst du: Reicht es wohl aus, wenn ich dir heute im Riesenkörbchen ein paar Extrazentimeter unter dem Federkissen zugestehe?“

Zähneknirschend ob der Erinnerung an meine allabendliche Schmach im Kampf um die komfortabelsten Liegepositionen und Revieransprüche im Bett überspiele ich meine Fassungslosigkeit ob dieses dreisten, ehrlichen Einfalls und schlage stattdessen vor: „Nun, da ich befürchte, das könnte etwas wenig sein, um diesen Titel zu verdienen, hatte ich die Idee, ob wir nicht anderen Hunden, die es weniger gut getroffen haben als du und deine Kumpane, einen Wunsch erfüllen sollten. Ohne sie zu kennen, einfach nur so. Was hältst du von dieser Idee?“

Entgeistert starrt Saga mich an. In ihren Augen spiegelt sich blankes Entsetzen. „Waaaaas? Anderen geht es noch schlechter als mir? Als mir, die ich nur noch sooooo wenige Kekse in meiner kleinen Vorratsdose habe?“

Etwas in mir ahnt, dass wir nun auf einen Nenner kommen werden. „Du sagst es. Und wenn wir denen etwas Freude bringen, dann erweisen wir deinem Wolkenrudel dadurch doch unseren allergrößten Respekt. Wir verschreiben uns immerhin ganz seiner Sache!“

„Und das wäre noch ein Grund mehr, sich ein Häppchen Rudolf zu verdienen! Mensch, Zweibeinmama, du bist ja doch nicht so arg auf den Kopf gefallen, wie es manchmal vermuten lässt! Dieser Einfall ist großartig! Und vielleicht gewinne ich dabei ja sogar nebenher ein paar neue, spannende Tobefreunde!“

Rasch springe ich auf, um einer erneuten Orgie wölfischen Überschwangs zu entgehen und die überschäumende Energie des entzückten Schattenwölfchens rechtzeitig umzuleiten. „So machen wir es, Füchschen! Komm nur mit, auf geht’s! Die Aushilfshimmelswölfe in Ausbildung machen sich auf die Weihnachtssocken, ihren Geheimauftrag zu erledigen. Das wird vielleicht ein Fest!“

Und mit einem begeisterten, eleganten Satz hüpft Saga in hohem Bogen vom Sofa hinunter und trippelt in Windeseile zur Wohnungstür. Dick mummele ich mich in übergroße Wollschals, Mützen und kuschelige Strümpfe ein, um Väterchen Frosts lieben Grüßen Paroli zu bieten, während das Pelzkind mich ungeduldig tänzelnd im Blick behält. Nun ist sie dran: Halsband, Leine, los!

Doch sie bleibt erst wie versteinert stehen und blickt mich so enttäuscht wie vorwurfsvoll an: „Du hast etwas vergessen.“ Ich sinniere fleißig. „Was denn, Liebes? Ich komme nicht drauf.“ Tief seufzt sie: „Überleg doch mal. Hast du denn auch mein Outdoorkeksdöschen dabei…?“ Hektisch prüfe ich meine Taschen. „Oh nein, verflixt! Du hast ja recht! Moment!...“ Und nachdem ich mich dann endlich ordnungsgemäß mit einem Allerlei an knusprigen Snacks bewaffnet und unserer heimischen Qualitätsprüferin Saga mit einer so charmant wie dezent eingeforderten Gratiskostprobe Tribut gezollt habe, machen wir uns endlich, endlich auf den Weg.

 

Über breite, belebte und hektische Straßen, durch schmale, urig-verwinkelte Gassen und über viele, viele frostige Wiesen und kunstvoll angelegte Parkwege führt uns unser Abenteuer zielgerichtet hinein in das Herz der Großstadtwüste. Während mir die beißende Kälte trotz fachmännischer Wintermontur bis ins Mark dringt, meine Finger zu eisigen Gebilden anschwellen und all meine Gliedmaßen energiesparend steif werden, hüpft das nimmermüde Schattenwölfchen begeistert, energiegeladen und vor lauter Übereifer bald platzend wie üblich neben und vor und hinter mir und überhaupt in weitem Radius um mich herum; mal rennend, mal schleichend, mal kletternd, mal schnüffelnd, mal die Gegend aufmerksam scannend, mal sich aufmunternd anschmiegend – allein das Zusehen macht selbst Eiszapfen glücklich und munter. Und natürlich versüßt das Schattenwölfchen uns den weiten Weg wie üblich mit seinen vielen bahnbrechend kreativen, von Herzen kommenden und höchst innovativen Einfällen, bei denen mir das schwache Studentenherz immer wieder aus dem Nichts bald stillzustehen droht. Eine ganze Reihe von Überraschungs-, Schreck- und Freudenmomenten und manch eine wölfische Toberei mit den zahlreichen zwei- und vierbeinigen Kumpanen in Sagas Königreich später haben wir es jedoch geschafft und stehen vor unserer Destination: dem örtlichen Zoofachhandel.

Blitzgespannt schaut Saga mit ihren riesigen, warm leuchtenden Kholaugen zu mir auf. „Also besorgen wir uns noch eine unsägliche Menge besten Proviants, um auf unserer Mission auch wirklich bei Laune und Kräften zu bleiben? Wie löblich von dir, Zweibeinmama! Du denkst wirklich bestens mit!“

Ob ihres Lobs muss ich trotz brennender Lippen und klappernder Zähne ein wenig grinsen. „Fast, Füchschen. Fast. Warte es nur ab.“

Ich hole tief Luft, um sie mit geheimnistuerischer Attitüde hineinzubitten, muss aber im selben Moment reuig feststellen, dass dies ein unnötiges Unterfangen war; denn das Schattenwölfchen nimmt seine Rolle als Wolkenrudelschlittenwolfsgehilfe ernster, als mir lieb ist – und zieht mich so rasch und kräftig und begeistert in den Laden hinein, dass es mich beinahe von den Socken haut. Im Angesicht zum Bersten gefüllter Futterregale zeigt sich eben, wer hier wirklich das kräftige Ende der Leine ist… Doch geübt, wie ich bin, fange ich mich rasch und dirigiere das aufgeregt hopsende Bündel Polarwolf zu einem reich geschmückten Weihnachtsbaum.

Aufmerksam mustert Saga das ominöse Plastikding. Es ist über und über mit kleinen Karten behangen, und an seiner Spitze prangt ein roter Papierstern. „Was steht da drauf, Zweibeinmama?“, fragt sie mich neugierig. Ich lese vor: „Tierheimwünsche…“, und beginne zu erklären: „Schau mal, jedes Kärtchen gehört zu einem Tier, das sich dringend etwas Wichtiges für Herz, Leib und Seele vom Nikolaus und seinen fleißigen Helfern wünscht. Und wenn man das Weihnachtstrüppchen tatkräftig unterstützen will, kann man sich eine Karte aussuchen und die darauf stehenden Wünsche erfüllen…“

Aufgeregt beginnt Sagas Rute zu wedeln. „Ist ja abgefahren, eine tolle Idee! Darf ich auch mein Kärtchen in den Plastikbaum hängen? Ich wünsche mir sooooo wichtige milde Gaben vom Wolkenrudel… Einen prall gefüllten Keksvorrat, damit ich nicht verhungern muss… Ein Häppchen Rudolf, um meine innersten Sehnsüchte zu stillen… Eine Flanelldecke, die mir allein gehört… Das Alleinnutzungsrecht des Familienkörbchens…“

Das bringt mich dann doch wieder aus dem Konzept. „Du kleiner Frechdachs! Redest du etwa von unserem Bett?“

Mit Unschuldsmiene meine Hand anstupsend schmeichelt sie sich charmant bei mir ein: „Das mag man vielleicht so benennen können, ja. Du siehst wohl ein,…“

Ich unterbreche sie, bevor sie mir mit ihrem goldenen Teufelszüngchen noch im Vorbeigehen meine Schlafstatt abschwatzt: „Nichts da, keine Chance! Und Kärtchen gibt es nur für solche Gesellen, die es wirklich, wirklich brauchen. Du musst wohl oder übel versuchen, das Wolkenrudel persönlich mit deinem Liebreiz zu bezirzen, nicht die Menschen dieses Veedels mit einer mitleidheischenden Karte.“

Verschmitzt schleckt sie kurz meine Handfläche an: „Wenn es denn nicht anders geht… Verhandeln wir das eben später. Dann legen wir mal endlich los! Wen beschenken wir denn nun?“

Erleichtert aufseufzend widme ich mich also den Kärtchen und beginne, sie genauestens zu studieren. „Hmmm… Hier wäre zum Beispiel die gute Arwen…“

Blitzschnell richtet Saga sich auf: „Oh, eine Arwen, ein Elbenwolf? Den Namen lieben wir, Mama, nicht wahr, meine Mama? Die ist wohl sicher lieb?“

„Lieb? Ganz bestimmt… Aber sie ist auch sehr hübsch, und bestimmt findet sie dadurch rasch jemand anders, der sie beschenkt…“

Das Schattenwölfchen denkt kurz nach und schielt dann schelmisch zu mir hinüber. „Hast Recht, also brauchen wir ein anderes Opfer. Vielleicht einen schmucken, stattlichen, feurigen Rüden…?“

Nun liegt es an mir, die junge Pelzdame zu tadeln: „Und was würde wohl dein Femo zu diesem Einfall sagen? Soll er etwa an deiner Loyalität zweifeln?“

Erschrocken rudert sie zurück und verkündet mit beinahe niedlicher, inbrünstiger Überzeugung: „Oh nein, auf keinen Fall! Meinem Femo will ich nie, nie, niemals, niemals nie einen Kummer bereiten!“ Und fragt dann mich: „Aber wen sollen wir denn dann auswählen?“

Ich zupfe ein Kärtchen aus dem Baum und schlage ihr vor: „Wie wäre es mit Sheila? Sie wünscht sich nur purinarmes Futter, weil sie Leishmaniose hat... Das ist sicher manch einem zu kompliziert…“

„Ja, das klingt wirklich sehr wichtig, Zweibeinmama. Wer Leichen in der Hose hat, braucht unbedingt pures Hahnenfutter, um sich darüber hinwegzutrösten. Ich bin dabei.“

Zunächst bin ich ein wenig verwirrt, beschließe aber, doch nicht weiter nachzuhaken und mich stattdessen einfach ihrer schattenwölfischen Zustimmung zu erfreuen. Nach einem kurzen, ernüchternden Gespräch mit der Fachverkäuferin muss ich allerdings die niederschmetternde Botschaft verkünden, dass der Laden kein purinarmes Futter führe und man solches auch nicht anderswo beziehen und dort deponieren dürfe.

„Saftladen“, murrt Saga, „kein brauchbares Futter für Sheila. Und so etwas schimpft sich Delikatessenmanufaktur.“ „Naja – Tierbedarfsfachgeschäft, wohl eher. Hast aber Recht, das ist sehr ärgerlich.“ „Wie auch immer. Ein Saftladen, sag ich dir. Jetzt muss Sheila wohl ewigen Hunger leiden… Und das in der Weihnachtszeit!“ Bekümmert entdecke ich ein paar aufgebrachte Tränchen in Sagas Rehaugenwinkeln.

„Ach Schattenwölfchen, nimm es nicht so schwer. Wir versorgen Sheila schon irgendwie auf anderem Wege mit dem, was sie sich wünscht. Und da gibt es ja auch noch das Wolkenrudel und seinen Gefährten, den Nikolaus… Sie bekommt sicher noch genügend großartiges Futter. Versprochen. Ganz bestimmt.“

Schniefend schmiegt meine mitfühlende kleine Fellnase sich eng an meine Beine, schluckt ihre Enttäuschung mühsam herunter und beruhigt sich ein wenig. „Beschenken wir dann wenigstens einen Welpen? Ich habe Welpen doch so schrecklich lieb.“, bittet sie mich leise.

„Natürlich, kein Problem! Momentchen, bitte…“ Hastig suche ich ein passendes Kärtchen heraus. „Wie wäre es mit Phoebe? Eine höher gewachsene Junghündin, sieht freundlich und verspielt aus. Sie wünscht sich Welpenfutter und eine Schleppleine, um die Welt angemessen erkunden zu können.“

Das Schattenwölfchen wedelt zustimmend mit seiner Rute und inspiziert das Foto genau. Zustimmend versucht sie dann, eine Ecke der Karte anzuknabbern. „Klingt super, die nehmen wir! Endlich, jetzt ist Himmelswolfsgehilfenshoppingzeit!“

Rasch rette ich das Kärtchen vor dem hungrigen Wölfchen und wir stürzen uns in die prall gefüllten Regalreihen hinein. „Holen wir zuerst das Futter?“, fragt die Kleine mich und versucht, sich nebenher über ein Fach mit Hundekeksen herzumachen. Geübt husche ich zwischen sie und ihre Desiderate und antworte routiniert: „Geht klar. Aber für die liebe Phoebe, versteht sich.“ Und wir packen ein Säckchen Trockenfutter in unseren Wagen.

Dann ziehen wir hinüber in den nächsten Gang. „Und wo finden wir die Leinen?“, will Saga wissen und zupft heimlich einen Karton mit Pansenkaustangen von seinem Platz. Routiniert knöpfe ich ihr das Diebesgut wieder ab, übergehe den gescheiterten Versuch der jungen Kleptomanin und erkläre: „Nur zwei Regalreihen weiter…“

„Das dauert aber ganz schön lange, da hinzukommen! Ich werde hungrig!“, klagt mein Pelznäschen – und langt blitzschnell beherzt zur Seite, um seine flinken Zähne in einem hinreißenden Ochsenziemer zu versenken. Geduldig durchkreuze ich erneut seine schändlichen Pläne und führe sie zu den Leinen: Rein in den Einkaufswagen – und wir haben, was wir brauchen.

„Puh, war das anstrengend, Zweibeinmama. Nun musst du dich nur noch als bester Weihnachtswichtel der Welt betätigen – und endlich etwas gegen die klägliche, lebensbedrohliche Leere in meiner Keksvorratsdose unternehmen…“ Und wie könnte ich dem treuherzigen Blick des kleinen Schalks in dieser Sache schon widerstehen? Ein Herz aus Gold gehört belohnt – drum packe ich auch dem Schattenwölfchen eine hübsche Tüte Weihnachtskekse ein. Zufrieden schnurrt es mich an und streicht die Kekse hingebungsvoll bewundernd lieb um meine Beine, während wir gemeinsam unsere Eroberungen erwerben und Phoebe ein Nikolauspaket zusammenpacken.

Als wir unsere milde Gabe unter dem Plastikbaum platzieren, schwellt Sagas Brust vor lauter Stolz an. Mit wichtigtuerischer Miene verkündet sie mir: „Damit haben wir uns unsere Position als externes Wolkenrudeleinsatzkommando wohl wahrlich verdient. Möge das Welpchen an unserer Überraschung eine Heidenfreude haben – und mögen die Himmelswölfe uns in ihren Reihen anerkennen.“ Und nach einer kurzen Pause: „Auf dass die Keksvorratsdose überquellen und sein Inhalt uns bestens munden möge.“ Zufrieden langt sie nach meinem Arm und kaut liebevoll-genüsslich darauf herum. Was sind wir doch mit einem überaus aufmerksamen und wohltätigen Schattenwölfchen gesegnet!

 

Nach einer letzten nonverbalen Diskussion um die Trockenfutterkostprobe am Ausgang des Geschäfts, die ich nur zum Teil für mich entscheiden kann, treten wir in trauter Einigkeit hinaus in das herbstliche Rauhreifreich und endlich unseren Heimweg an. Ob unserer erfolgreich erfüllten Mission schwelgt Saga in Phantasien von dem, womit das Wolkenrudel sie braves, charmantes Schäfermädchen wohl bedenken werde, ergeht sich in atemlosen, fröhlichen Plappereien, hüpft und springt unter Bäumen, in Pfützen und auf Wiesen, zerwühlt geschäftig jeden Laubhaufen, dessen Weg wir kreuzen, und ernennt sich selbst zur offiziellen Flitzkumpanin der aufziehenden nächtlichen Winterwinde. Ihr Übermut ist mir eine wahre Augenweide. Wenn sie wüsste, dass ich ihr heimlich einen fetten Nikolauskeks als verdiente Belohnung ausgesucht habt…

Irgendwann – die Dämmerung ist bereits der Dunkelheit gewichen – kommt der freche Wirbelwind angerannt, begräbt mich unter seinen etwas überschwänglichen Aufmerksamkeiten und fragt: „Sag mal, Zweibeinmama, wo wohnt die kleine Phoebe eigentlich?“

„Nun ja – irgendwo in Spanien, würde ich sagen. Ich vermute, bei einer ziemlich netten Pflegefamilie. Zumindest nicht in einem Zwinger, versprochen.“ Das Schattenwölfchen mustert mich mit neugierigem Blick: „Ein Zwinger? Aber was ist denn ein Zwinger?“ „Naja, wie soll ich sagen… Ein Zwinger ist – ein etwas karg geratenes Outdoorheim, in dem oft Tierheimhunde, die noch keine Zweibeins haben, wohnen.“ Pure Begeisterung bahnt sich ihren Weg, und aufgeregt hibbelt das Schattenwölfchen: „Ein Outdoorheim für Hunde? In dem man schlafen kann? Boah, wie krass! Bekomme ich wohl auch mal einen Zwinger?“ Schockiert und entschieden protestiere ich: „Ein Zwinger? Du? Nur über meine Leiche!“, und füge ob ihrer leicht konsternierten Blicke rasch beschwichtigend hinzu: „Aber vielleicht trete ich dir gleich ausnahmsweise freiwillig mein komplettes weiches Flanelldeckchen ab – für heute. Ja, ich denke schon. Das hast du Mildtäterin dir verdient.“

Zufrieden wedelnd und sich in engagierter Charmeoffensive an meine Seite drückend lässt das Schattenwölfchen sich die spitzen Öhrchen kraulen. Es muss keinen Ton mehr von sich geben: Ich sehe, dass mein Versprechen seine Zustimmung findet. Und dass die Decke aus Flanell ab nun für mich verloren ist.

Aber dafür haben wir heute viel gelernt und erlebt und unseren kleinen Auftrag im Aushilfshimmelswolfsgeschäft doch noch erfüllt. Wenn das nicht mal das Wolkenrudel und sein Zweibein namens Nikolaus ehrt und mir den Preis einer einzigen Kuscheldecke zu des Schattenwölfchens Wohlbehagen wert ist! Auf ein Häppchen Rudolf können wir doch da – die eine dankend, die andere leicht bedauernd – wohl verzichten. Und während ich so bibbernd vor mich hin sinniere und meine Nase selig tief im warmen, weichen Schattenwölfchenpelz vergrabe, schickt Väterchen Frost uns sein klirrendstes Lächeln: als Zustimmung vielleicht. Oder als winterlichen Gruß.

 

 

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