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Hundeforum Der Hund
Bärenkind

Management bei stressbedingtem Aggressionsverhalten auf Hundetreffen

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Aufgrund einiger Beobachtungen auf dem Forumstreffen am Wochenende, aber auch auf anderen Veranstaltungen mit Hunden in den vergangenen Jahren, möchte ich auf den Wunsch einiger PN-Schreiber hin, diesen Beitrag als Diskussionsgrundlage und Leitfaden eröffnen.

Vorab ist wichtig, dass man erst mal die menschliche Komponente sieht und berücksichtigt.

1) Viele Menschen sind aufgeregt vor einem "Bad in der Menge", weil sie sonst vielleicht eher schüchtern sind, weil sie Angst haben, sich zu blamieren, weil sie mit größeren Menschenmengen nicht so gut umgehen können, da gibt es 1000 Gründe.

Diese Nervosität oder vielleicht auch nur freudige Erregung des Menschen nimmt der Hund auf und ist schon mal grundsätzlich höher im Level als im Normalfall. Hieran können wir wenig bis gar nichts ändern.

2) Einige Hunde haben schon durch die Anfahrt, durch das Wohnen in einem anderen Umfeld (Pension, Hotel, Mehrfachzimmer mit anderen Menschen und Hunden) einen erhöhten Stresslevel, sie kommen quasi schon auf knapp 180 an. Auch dieser Punkt lässt sich nur bedingt beeinflussen.

3) Es gibt Leinenzwang, weswegen die normale hündische Kommunikation nicht so ablaufen kann, wie sie natürlich wäre. Aufgrund schlechter Erfahrungen mit leinenlosen Treffen ist es leider ab einer bestimmten Gruppengröße nicht anders machbar als mit Leinenzwang. Hier ist der Hundeführer gefragt, seinem Hund mit verträglichen Hunden auf abgezäuntem Gelände regelmäßigen Freilauf zu verschaffen und Leinenbegegnungen mit großem Abstand und Körperblock zu managen.

4) Es gibt genügend Engpässe auf Fluren, auf Wegen, beim Durchgehen durch eine Sitzgruppe, die für manche Hunde unerträglich sind. Auch hier überlege ich mir vorher, auf welcher Seite führe ich meinen Hund bei Begegnungen, wie agiere ich, um einen Angriff meines Hundes abzublocken, wohin kann ich ausweichen.

5) Einige Hunde sind durch die Fahrerei und Rumsitzerei unausgelastet, es fehlt ihnen ihre übliche Beschäftigung, sie stauen also Unterforderung an, die in Aggression umschlägt. Hier liegt es an jedem Einzelnen, sich für kleine Sequenzen in Sachen Auslastung zurück zu ziehen.

6) Viele Menschen reagieren auf Unmutsäußerungen, Kläffen, Knurren etc. mit beruhigenden Worten, mit Berührungen, mit dem ständigen Wiederholen des Hundenamens oder anderen Aktionen, die das Verhalten des Hundes in der aktuellen Situation eher verstärken, als dass dem Hund kommuniziert wird, dass das, was er gerade getan hat, unerwünscht war. Dieser Fall ist mir am Wochenende sehr häufig aufgefallen.

Mein Weg wäre, ein einziges, KLARES Abbruchsignal, das der Hund kennt, zu geben, und parallel dazu mit dem Körper ganz deutlich zu kommunizieren, dass DAS nun gerade völlig überflüssig und unerwünscht war. Hunde lernen aus den Konsequenzen ihres Handelns. Gehen sie aggressiv nach vorn und erfahren dabei unmittelbar eine unangenehme körperliche Einschränkung, so lernen sie daraus, dass dieses Verhalten unerwünscht war.

Reden wir aber auf sie ein, wie auf einen lahmen Gaul, sagen ständig den Namen, oder "nein" im Tonfall von "fein", dann fühlt sich der Hund in seiner Unsicherheit verstärkt, da wir ja nichts weiter tun, und wird das Verhalten kultivieren. ECHTE Aggression ist ohnehin in diesen Situationen selten vorhanden, die meisten Hunde agieren aus Unsicherheit heraus und weil ihre Besitzer unklar kommunizieren. Verbiete ich DEUTLICH, gebe ich ein GUTES Management, werde ich als Führungsperson vom Hund anerkannt und er überlässt es mir, blöde Situationen zu regeln.

7) Das Fixieren von Hunden wird häufig nicht bemerkt, die Vorzeichen für eine aggressive Handlung werden nicht erkannt. Wenn der Hund dann nach vorne geht und kläfft, wird seitens des Menschens gebrüllt, was der Hund in der Regel nicht als Korrektur anerkennt, sondern als "hey geil, Frauchen keift mit". Würde der Mensch zeitgleich aufstehen und den Hund körperlich einschränken, hätte das Gebrüll wenigstens eine klare Konsequenz, aber das tun leider die wenigsten.

8) Die Hunde werden oft einfach irgendwo abgelegt, dabei gibt man ihnen häufig die Aufgabe, den Sitzplatz zu schützen, da der Hund/die Hunde VOR dem Menschen liegen. Sinnvoll wäre es bei Hunden, die entsprechende Tendenzen zeigen, sie mit dem Körper in Richtung der Reize, die vorhanden sind, abzuschirmen. Dazu gibt es Erdhaken, die man flexibel in die Erde bohren kann oder wie von Chris (Grosser Hund) ein Beton-Gewicht mit Metallbefestigung für harte Untergründe.

9) Man sollte in jedem Fall die Möglichkeit haben, gestressten Hunden eine Auszeit zu verschaffen. Sei es durch einen Kennel, einen Kofferraum, ein Zimmer oder in dem man sich selbst eine Weile mit dem Hund aus der Menge zurück zieht und Dinge tut, die Stress abbauen.

10) Wer an Bachblüten glaubt, kann seinem Hund an solchen Tagen Rescue-Tropfen einflößen oder dem Trinkwasser beimischen.

11) Futter und Spielzeug in der Menge kann für Aggressionen sorgen. Selbst sanfte Hunde können bei einem herum liegenden Kau-Artikel oder in der Nähe eines Trinknapfes zur Furie werden, da es sich nun einmal um Ressourcen handelt, und schon Welpen lernen, sich gegenüber ihren Geschwistern durchzusetzen.

Das waren nun mal so die wesentlichen Punkte, die mir eingefallen sind.

Auch mein Hund ist auf solchen Treffen gestresst, selbst wenn er auf die meisten total entspannt wirkt. Ich sehe es am Fell, ich merke es anhand klitzekleiner Signale, er meidet von sich aus bestimmte Durchgänge und zeigt mir z.B. an, dass er bei einer sitzenden Gruppe lieber außenrum gehen möchte, anstatt mittendurch.

Obwohl Bär quasi nie nach vorne geht, möglichst jeden Stress meidet, bin ich bei einer solchen Veranstaltung immer mit einem Auge bei meinem Hund und der Umgebung.

100% vermeiden kann man nicht, aber man kann sich bemühen, für alle Teilnehmer und den eigenen Hund so rücksichtsvoll wie möglich zu agieren. Die Entspannung kommt zigfach zu einem zurück und man kann solche Treffen schon von vorne herein ruhiger angehen, weil man Plan B im Hinterkopf hat.

Ich wünsche mir, dass meine Worte nicht als Klugscheißerei abgetan werden, sondern dass sich jeder das paar Schnürsenkel für seine Schuhe passend heraus zieht.

LG Anja

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Toller Beitrag und auch wenn ich nicht auf diesem Treffen war, so kann ich doch trotzdem etwas für mich mitnehmen. :)

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Danke Anja für deinen langen Bericht. Ich kann mir da viel rausziehen,..vorallem weil wir im August unser erstes Seminar haben und zum Allerersten Mal mit vielen Menschen und vielen Hunden zwei Tage verbringen.

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Schoen geschrieben Anja :)

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Diesen Beitrag bitte VOR dem nächsten Treffen jedem in die Hand drücken... ;)

Ich war nicht dabei und kenne solche Situationen mit Hund nicht, aber ich ziehe mir schon einiges raus. Danke.

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[sMILIE]Klugscheißer![/sMILIE]

Sry musste sein. :D:kuss::kuss::kuss:

Hast du mal wieder super geschrieben. ;)

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Anja toll geschrieben

ich hätte es mir vor dem Treffen gewünscht

Und ja man lernt bei solchen Treffen aber schön ist na klar wenn man vorher gewisse Tipps gehabt hätte.

ich kenne nur Freilauf und Hundebegegnung beim Gassi Gehen und da weiss ich wer sich mag sind auch dann immer nur sehr kleine Gruppen

Und in Hundeschule ist bei uns Hundekontakt und offline sein nicht erlaubt, leider. Sollen nicht mal dicht beisammen sitzen.

Daher war das WE was ganz neues für Hund für mich und auch für Rest der Familie. ich kann nicht mal sagen ob ich oft was falsch gemacht habe :(

Daher wäre ich für Kritik echt Dankbar weil nur so kann ich lernen es beim nächsten mal besser zu machen

Anja du schriebst:

1) Viele Menschen sind aufgeregt vor einem "Bad in der Menge", weil sie sonst vielleicht eher schüchtern sind, weil sie Angst haben, sich zu blamieren, weil sie mit größeren Menschenmengen nicht so gut umgehen können, da gibt es 1000 Gründe.

Diese Nervosität oder vielleicht auch nur freudige Erregung des Menschen nimmt der Hund auf und ist schon mal grundsätzlich höher im Level als im Normalfall. Hieran können wir wenig bis gar nichts ändern.

Das war ein echtes Problem für mich. Und würde daher nicht beim nächsten mal am Freitag gleich Essen gehen

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Das kann ich nur unterschreiben Anja.

Ich hab auch gemerkt, wenn wir die Hannah aus den Situationen in denen sie sehr gestresst reagiert und zu bellen beginnt heraus nehmen, beruhigt sie sich schnell.

Auch das Ablegen etwas Abseits von der Gruppe hat dazu beigetragen, dass sie sogar entspannen konnte. Ihre Box haben wir ihr gegeben wenn sie echt mal pennen mußte. Alles in Allem kamen wir mit unserer Angstnase gut durch das Wochenende, haben aber auch gemerkt dass wir noch eindeutiger mit ihr kommuniziere müssen.

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Gefällt mir sehr gut, dein Beitrag. :klatsch:

Auch wenn es sich erst einmal liest, als wären es alles selbstverständliche Verhaltensweisen,

so hapert es dennoch ab und zu an der konkreten Ausführung, wenn man nicht die Routine hat und in Sekundenbruchteilen re/agieren muß.

Aber die erste Grundlage ist gegeben, wenn man ein Bewusstsein für dieses Thema entwickelt.

Und DEN Grundstein hast du mit deinem Beitrag gut angelegt, finde ich. :winken:

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Danke Anja :)

Die mir passenden Schnürsenkel habe ich gerade in meine Schuh gezogen ;)

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