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Der alte König in seinem Exil - ein Alzheimerbuch

Empfohlene Beiträge

Hallo,

eventuell sind ja einige "Betroffene" hier im Forum oder es interessiert einfach ein paar von euch generell. Da Stefans Großmutter bei uns im Haus lebt und sie sehr fortgeschrittene Alzheimer hat befasse ich mich schon länger mit diesem Thema. Daher lese ich sehr gern Fachbücher und habe aber immer nach einem Buch gesucht, dass Fachthematik und Realität gekonnt verbindet.

"Der alte König in seinem Exil" von Arno Geiger ist daher mein Tipp an alle von euch, die mit diesem Stoff etwas zu tun haben. Ich habe es binnen 3 Stunden durchgelesen und konnte weinen, lachen und nachempfinden.

Hier ein paar Textauszüge:

"Das ist dein Haus!" - "Nein, das ist nicht mein Haus" erwiderte er. "Dann sag mir wo du wohnst." Er nannte die korrekte Straße mit Hausnummer. Triumphierend zeigte Helga auf das Hausnummernschild neben der Eingangstüre und fragte: "Und, was steht hier?" Er las ihr die zuvor genannte Adresse vor. Helga fragte: "Was schließen wir daraus?" "Dass jemand das Schild gestohlen und hier angeschraubt hat" erwiderte der Vater trocken. (Seite 53)
"Ich habe mir hier die Hände gewaschen", sagte der Vater einmal. "War das erlaubt?"

"Ja, das ist dein Haus und dein Waschbecken."

Er schautre mich erstaunt an, lächelte verlegen und sagte: "Meine Güte, hoffentlich vergesse ich das nicht wieder!"

Das ist Demenz. Oder besser gesagt: Das ist das Leben- der Stoff aus dem das Leben gemacht ist. (Seite 57)

Beim Singen veränderte er scherzhaft die Texte. Auch beim reden nahm sein Einfallsreichtum zu. Die Verschmitztheit, die er früher gehabt hatte, wurde wieder sichtbar, es war wie bei der Schönheit eines überwucherten Gartens, der ein wenig ausgelichtet wird. (Seite 101)

Viele Passagen in diesem Buch kamen mir schmerzhaft bekannt vor. Das meiste hatten wir hier 1:1 so erlebt, den gleichen Erkenntnisprozess durchmacht und die gleichen Schwierigkeiten bekommen. Es war für mich erleichternd zu lesen, dass es anderen auch so gut und welche Wege sie gefunden haben. Es war fast befreiend, dass man nicht alleine ist. Dass man nicht der einzige Mensch ist dem der Geduldsfaden dann doch irgendwann mal reißt. Dass man nicht der einzige Mensch ist, der sich gewisse Taktiken für Antworten zurecht legt.

Also falls jemand ein bisschen Einblick in die Thematik bekommen will: Ich kann es nur empfehlen!

Grüße

Saskia

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Liebe Saskia,

danke für deinen Buchtipp, ob und wann ich es lese, weiß ich allerdings noch nicht. :)

Auch wir sind zum zweiten Mal innerhalb der Familie Betroffene.

Das erste Mal war es mein Schwiegervater, der erst an Morbus Parkinson erkrankt war, wozu dann eine Alzheimererkrankung kam und den wir 17 Monate bis zu seinem Tod Zuhause gepflegt haben.

Jetzt meine Schwiegermutter, die hier bei uns im Haus gelebt hat. (Gelebt hat, weil sie zZ im Krankenhaus ist)

Ihre Tochter (meine Schwägerin) mit der sie sehr eng war, ist vor 10 Wochen an Krebs verstorben. Man muss sich vorstellen, eine Frau von 86 Jahren muss ihre Tochter gehen lassen und das verkraftet sie nicht und der Geist flüchtet sich in immer schneller fortschreitende Demenz.

Es ist für alle Beteiligten ein ganz schwerer Gang, dies mitzuverfolgen.

Ganz schlimm finde ich es für die Erkrankte, wenn es für sie peinlich wird und man sie in dem Moment, wo sie etwas Falsches machen, darauf aufmerksam machen muss.

Es ist dann wie eine Art Erwachen und sie schämen sich dann auch für die Dinge, die sie (falsch) getan haben.

Man selber kann die Situation dann nur versuchen zu überspielen, aber man leidet ja mit diesem Menschen, der sich selbst nicht mehr helfen kann, mit.

Dazu kommen noch viele organisatorische Dinge, die man bewältigen muss.

Die Medizin kann heute schon sehr viel.

Meine Schwiegermutter hatte vor 3 Jahren eine schwere Herz-OP, ohne die sie nicht überlebt hätte.

Im Nachhinein fragt man sich jetzt allerdings, wäre es für sie besser gewesen zu gehen, als wie jetzt so zu verfallen? (Darf man darüber überhaupt nachdenken?)

Ich weiß nicht, wieviel der Erkrankte Mensch von seinem Zustand tatsächlich mitbekommt. Für ihn würde ich mir wünschen, dass es nicht allzu viel ist und er das was er tatsächlich realisiert, schnell wieder vergisst.

Für die Angehörigen kann ich aber sagen, dass es teilweise verdammt weh tut, ihn in der Erkrankung zu begleiten, viel Nervenkraft kostet und man viele Gradwanderungen macht.

Eine Nachbarin, die sehr gläubig ist, hat mir jetzt in dieser Zeit diesen Spruch mit auf den Weg gegeben:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ...: ... wie dich selbst!

Auch das ist ein Punkt, den man bei aller Liebe nicht vergessen darf. :)

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...das verkraftet sie nicht und der Geist flüchtet sich in immer schneller fortschreitende Demenz.

Das ist eine ganz interessante Formulierung. Das der Geist aktiv hinein flüchtet und sich in der Demenz eventuell eine Art Schutz sucht. Wir haben es gemerkt, wenn die Oma mal für ein Wochenende in die Pflegebetreuung musste oder im Krankenhaus war. Sie konnte dies alles nicht gut zuordnen und so wurde sie schlagartig immer verwirrter und war mehr in ihrer eigenen Welt gefangen. Wie, als würde sie in diese Welt gehen um sich einen Schutz zu suchen vor einer Wirklichkeit, die sie nicht mehr versteht.

Es ist für alle Beteiligten ein ganz schwerer Gang, dies mitzuverfolgen.

Im Endeffekt hat man meistens zu Beginn einen Menschen, den man sehr geachtet hat und als agilen, aktiven kennen lernen konnte. Diesen Verfallsprozess dann zu sehen und anzunehmen ist schwer. Und oft genug denkt man sich "es kann doch nicht so schwer sein, wieso musst du denn schon wieder genau darüber reden?". Bis man sich bewusst wird, dass es weder mutwillig ist, noch der Person selbst richtig bewusst wird wie sie gerade ist.

Ganz schlimm finde ich es für die Erkrankte, wenn es für sie peinlich wird und man sie in dem Moment, wo sie etwas Falsches machen, darauf aufmerksam machen muss.

Es ist dann wie eine Art Erwachen und sie schämen sich dann auch für die Dinge, die sie (falsch) getan haben.

Das war/ist bei Stefans Großmutter anders. Aber das passt auch zu ihrem "früheren" Charakter, der ja immer noch durchscheint. Sie hat das dann lieber überspielt oder als Plan B die anderen für die Unzulänglichkeiten verantwortlich gemacht (aber immer Personen, die nicht da waren ;) ).

Im Nachhinein fragt man sich jetzt allerdings, wäre es für sie besser gewesen zu gehen, als wie jetzt so zu verfallen? (Darf man darüber überhaupt nachdenken?)

Darf man. Ich frage mich auch oft wie lebenswert es ist einen Menschen immer und immer wieder mit Infusionen versorgt wird während er selbst teilnahmslos und in einer eigenen Welt gefangen im Bett liegt und zum Teil nicht mal mehr den Stuhlgang kontrollieren kann. In klaren Momenten (also richtig klaren, nicht den Momenten wo sie halt mitreden kann) äußert Stefans Großmutter dann manchmal: "Ich weiß gar nicht was das alles soll. Ich bin doch 90. Nun kann man mich doch mal gehen lassen. Den ganzen Tag muss ich liegen und werde gewendet wie ein Brathähnchen. Früher, da bin ich jeden Tag Stunden spazieren gegangen." Ich glaube irgendwo ist ihr also diese Kluft zwischen früher und heute bewusst. Vielleicht nicht immer.

Eine Nachbarin, die sehr gläubig ist, hat mir jetzt in dieser Zeit diesen Spruch mit auf den Weg gegeben:

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ...: ... wie dich selbst!

Auch das ist ein Punkt, den man bei aller Liebe nicht vergessen darf. :)

Und das ist schwer :) Das vergisst man manchmal zu leicht. Und dann sammelt sich hinter einem alles das an, was man selbst vergessen hat.

Daher genieße ich solche freien Wochenenden wie bei dir auch sehr. Es ist einfach mal was für mich und nicht nur ich, die etwas leisten muss.

:kuss:


http://www.polar-chat.de/topic.php?id=70979&goto=1502497

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Auch wir hatten schon 2 Fälle von Alzheimer in der Familie...

Angefangen hat es bei meiner Oma, die ersten Anzeichen waren, wie gewöhnlich, nicht sooo besonders.. mal hier was vergessen, mal da was vergessen. Jedoch wurde es immer schlimmer, ich war damals noch ein Kind von ca. 8 Jahren und konnte das gar nicht verstehen, dass meine Oma mich plötzlich nicht mehr erkannte, und das, obwohl ich eigentlich bei ihr aufgewachsen war... Das war damals sehr sehr schwer für mich. Auch hat sie nachts bei uns zuhause angerufen und fragte, wer der fremde Mann in ihrem Bett sei, es war natürlich mein Opa, aber sie hat ihn partout nicht wiedererkannt und war regelrecht panisch. Somit ist sie auch von daheim weggelaufen, hatte keine Orientierung mehr und war mehrere Stunden lang verschwunden.

Nachdem sie dann gestorben ist, hat es bei meinem Opa angefangen.. die ersten Anzeichen waren vorher schon da, aber wie Astrid bereits geschrieben hat - der Geist flüchtet immer mehr in die immer schneller fortschreitende Demenz... Er war dann sehr aggressiv während dieser Zeit. Nach 3 Jahren ist er dann gestorben.

Alles in allem war es für alle Angehörigen eine sehr schwierige Zeit und für beide Betroffenen einfach nur eine Erlösung, als sie eingeschlafen sind.

Vielen lieben Dank Saskia, für den Buchtipp. Denke, ich werde mir das Buch mal besorgen. :)

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Leider bin ich erst jetzt auf diesen Buchtitel gestoßen und werde es mir auf jeden fall bei Amazon bestellen. Ich bin zwar (zum Glück) noch nie familiär davon betroffen gewesen (meine Oma ist mit ihren 94 Jahren noch klar gewesen :) ), jedoch beruflich, da ich im Pflegeheim arbeite. Etliche Bewohner sind stark dement, andere Anfang bis Mitte.

Wir haben eine Bewohnerin, die ständig bzw. fast im Minutentakt (leider nicht übertrieben! :Oo ) fragt: "Wo ist meine Wohnung?"abgewechselt mit "Wo schlafe ich? Wo steht mein Bett?" Ich mag sie echt gerne, und wenn sie nicht mehr ist, irgendwann, dann wird sie auf jeden Fall fehlen!!! Aber manchmal muss ich mich echt innerlich beherrschen! :so Es ist nicht einfach, weder für uns noch für die Angehörigen. Das stelle ich mir echt schwer vor, nicht mehr erkannt zu werden, von der Mutter vom Ehepartner, als Enkel ...!!! :(

Man könnte echt Geschichten erzählen ...! :)

Aber das Buch werde ich mir direkt bestellen!!! Danke dir!!! :)

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