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Hunde leben im Hier und Jetzt

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Diesen Satz habe ich hier im Forum nun schon sehr oft gelesen: "Hunde leben ausschließlich im Hier und Jetzt!"

 

Ich muss gestehen, darauf kaue ich nun schon eine ganze Weile herum. Denn einerseits ist da schon deutlich was dran - aber andererseits kann ich das in dieser Absolutheit doch nicht unterschreiben.

 

Richtig ist meiner Meinung nach: Hunde neigen viel weniger als wir Menschen dazu, ständig Vergleiche anzustellen und dem Schnee vom letzten Winter nachzuheulen. Eher als wir sind sie bereit, sich auf die aktuelle Situation einzulassen. Natürlich sind da alle auch individuell ein Stück weit verschieden, Menschen wie Hunde.

 

Ein Problem habe ich aber damit, wenn das eben als absolute Regel aufgestellt wird. Durchdenkt man das nämlich zu Ende, kommen dabei Dinge heraus, die so den Tatsachen einfach nicht Stand halten. Nehmen wir mal als eines der deutlichsten Beispiele das Prinzip Hoffnung.

 

Hoffnung ist etwas, das praktisch die Brücke über die Zeiten schlägt. Hoffnung erwächst aus Erfahrungen der Vergangenheit, die transportiert werden in eine Vorstellung der Zukunft. Deshalb muss Hoffnung erst gelernt werden. Sehe ich das jetzt unter dem Blickwinkel des ausschließlichen Hier und Jetzt, dürfte es Hoffnung einfach nicht geben. Und damit wäre es z.B. ethisch komplett unverwantwortlich, einen Hund auch nur stundenweise allein zu lassen. Wieso? Nun, die Erfahrung, der Mensch wird schon zurück kommen, liegt schließlich in der Vergangenheit; wäre diese komplett erledigt, hätte diese Grunderfahrung keinerlei Bedeutung für den Moment. Dazu kommt, dass der Hund ein zumindest rudimentäres Konzept von Zukunft haben muss, um so allein gelassen nicht zu verzweifeln: "Mein Mensch ist zwar jetzt nicht da, aber in naher Zukunft wird er wieder auftauchen." Spricht man dem Hund diese Konzepte ab, dann muss man davon ausgehen, er wird in jeder Sekunde seines Alleinseins in tiefer Verlassenheit und Einsamkeit zubringen.

 

Es liegt also der Schluss nahe, dass Hunde durchaus von früheren Erfahrungen geprägt werden. Diese werden abgespeichert, in das innere Bild der Welt und des Selbst integriert, und verbinden damit ganz eindeutig die Vergangenheit mit der Gegenwart. Und jede einzelne Erwartungshaltung, die darauf gegründet wird, schlägt die Brücke in die Zukunft.

 

Geht man aber davon aus, dann macht es wenig Sinn, einfach so zu tun, als hätte die Vorgeschichte des Hundes nie stattgefunden, weil der Hund ja ausschließlich im Hier und Jetzt lebt. Auch ein plötzlicher Wechsel des Umgangs mit dem Hund, der oft so begründet wird, ist eben NICHT einfach folgenlos. Um die Brücke zu meiner Eingangsaussage zu schlagen: Natürlich sind Hunde eher bereit als wir Menschen, das hinzunehmen und sich darauf einzulassen. Eher - nicht einfach so. Auch für einen Hund bringt eine solche Umstellung nämlich zunächst einmal Verwirrung mit sich, die Erwartungssicherheit geht ein Stück weit verloren, und damit auch das Gefühl, die eigene Situation "im Griff" zu haben. Und das wiederum ist ein ziemlich elementares Bedürfnis bei Mensch wie Hund.

 

Ich denke also, wenn man mit diesem schlichten Satz, "Hunde leben ausschließlich im Hier und Jetzt", zu selbstverständlich umgeht, wird man nicht nur dem Hund in seiner Komplexität nicht gerecht, sondern mutet ihm unter Umständen auch gewaltig viel zu!

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Diese - wenn man sie hinterfragt, recht platte Aussage - ist wohl eher als "Arbeitsanleitung" und Hilfestellung für Menschen gedacht, die im Vergleich zum Hund viel zu nachtragend sind.

  • Hunde unter sich: Einer baut Mist, ein Anderer maßregelt/straft. Und gut ist. Im nächsten Moment wird fröhlich weiter gemacht.
  • Hund macht eine schlechte Erfahrung; nichts außer Schreck: einmal schütteln und das Leben geht weiter.

Daher: Nicht lange ärgern, wenn der Hund etwas falsch gemacht hat. Situationsgemäß reagieren und fröhlich "weiter im Text". Da uns Menschen das trotz guter Vorsätze immer wieder schwerfällt, ist es gut, solche "Sinnsprüche" zu haben.

 

Und natürlich haben Hunde eine Vorstellung von der Vergangenheit und der Zukunft. Da könnte man jetzt untersuchen, wie weit diese Zeitspannen reichen - aber wozu?

  • Hunde können aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernen und sie können sich an Wege, Sinneseindrücke, Menschen, Tiere, Dinge, etc. erinnern.
  • Hunde wissen, was die Zukunft bringt, z.B.: ich mache jetzt etwas und bekomme nachher eine Belohnung. Die Enttäuschung ist groß, wenn's nichts gibt.
    Bei Dex konnte ich deutlich erkennen, dass er auf dem Heimweg von anstrengenden Ausflügen oder auf dem Rückweg aus dem Urlaub sich genau erinnern konnte, dass daheim sein Körbchen wartet und er ist zielstrebig dieser Vorstellung entgegen gelaufen. Kaum war die Türe offen, sprintete er ins Wohnzimmer und warf sich ins Körbchen, dann ein zufriedener Seufzer: "Endlich wieder zuhause!" 

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Vielen Dank, für diese Gedanken! Ich mag solche Pauschalaussagen auch gerne hinterfragen.

Ich denke auch: Ohne Vergangenheit und Zukunft miteinbeziehen zu können, könnte Lernen wohl kaum stattfinden.

Ohne sich der Zukunft bewusst zu sein, könnte es keine Erwartungshaltung geben - und die nutzen wir doch alle auch im Umgang mit Hunden, oder?

Ebenso wie das Bewusstsein, dass die Vergangenheit zB Erlebnisse beschert hat, die dem Individuum helfen, Verhalten zu ändern usw.

Ich halte Hunde für viel komplexer veranlagt und befähigt, als es so manche kursierenden Pauschalaussagen uns weiß machen wollen.

Dazu gefällt mir das Buch Das Gefühlsleben der Tiere sehr gut.

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Naja, ein Hund kann sich voll und ganz auf die momentane Situation einlassen. Ich gehe nun mal vom Positiven aus: Spaziergang und Hund ist ganz bei der Sache. Er denkt nicht mehr an das, was vor 5 Minuten noch war. Der Mensch, der mitgeht, tut sich aber oft schwer damit. Er hängt Gedanken nach, statt sich voll und ganz auf den Spazierweg mit allen Sinnen einzulassen. 

 

Ich denke, das ist mit diesem Spruch gemeint und dann können wir vom Hund lernen. Für mich ist aber auch klar, dass es auch beim Hund Erfahrungen in der Vergangenheit gibt, die noch lange oder sogar ein Leben lang nachhängen. Ich glaube aber nicht, dass ein Hund über die Zukunft nachdenkt. Die Emotionen der vergangenen Erlebnisse werden dann eher durch irgendwelche Reize erneut ausgelöst. 

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Naja, ich denke der Satz ist (wie der Olle Hansen es ja auch sagte) eher an die Menschen gerichtet als an den Hund.

 

Der weiß, was er erlebt hat und wie er damit umgeht oder eben nicht umgehen kann. Aber der Mensch ist doch der, der ständig hinter dem Schnee von gestern herweint. Dem Hund ist der Schnee egal, solange er nicht jetzt und hier vorhanden ist.

 

ABER: er weiß immerhin, was Schnee ist, wenn er letztes Jahr welchen gesehen und erlebt hat.

 

Menschen brauchen solche Sätze, bzw viele Menschen brauchen gerade solche platten Sätze, damit sie mal aus ihrer Bedauer-Haltung herauskommen und aus diesem "Oh Gott, da hat ein Hund meinen angebellt, jetzt sind wir beim Training wieder auf Null!"

 

Letzteres finde ich viel fataler und blöder als den "Hier-und-Jetzt"-Satz, denn damit schaukelt sich der Mensch nur wieder in diese Verzweiflungshaltung, dass jetzt alles kaputt ist.

 

Wie doof!

 

Muss doch nicht sein - denn der Hund lebt zwar in DIESEM Moment in einer Streiterei mit einem anderen Hund, hat aber dennoch die Erfahrungen von gestern, vorgestern und vorvorgestern im Kopf, mit denen er dann morgen wieder agieren kann. So sich der Mensch dann wieder dran erinnert.

 

Und genau darauf basiert doch die Erziehung und überhaupt alles Lernen. Wenn wirklich jeder der den Satz verwendet so denken würde, dass nur das Hier und Jetzt zählt, dann müsste man das Erziehen eh sein lassen. Hat ja keinen Sinn ;)

 

Was aber SInn macht ist, dem Hund basierend auf Jetzt zu sagen "Fuß" und nicht darauf zu hoffen, dass er schon von alleine weiß, dass er an dieser Stelle (Weil das gestern so war) bei Fuß zu gehen hat.

Und es macht auch Sinn, einen neuen Hund selbst mit diversen guten und schlechten Erfahrungen erstmal als einen Hund zu sehen, der Macke/Angewohnheit X, Y, Z und A mit in unser Leben bringt.

Und dann JETZT daran zu arbeiten und nicht zu überlegen, warum er wohl so ist. Das kann man auch - sollte man auf jeden Fall nicht komplett ausblenden, denn wenn man zB weiß dass der Hund Männer mit Hut beißt, ist es sinnvoll dies im Hinterkopf zu behalten ;) Dennoch: WARUM er den Mann mit Hut beißt ist in diesem Moment egal. Denn jetzt und hier soll er es eben nicht tun.

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Natürlich erinnern sich Hunde an *wasauchimmer* aus der Vergangenheit.

Vergangenheit ist ja nicht nur letzte Woche oder vor 7 Jahren, sondern auch vor 2 Minuten.

Lernen wäre ohne diese Erinnerung nicht möglich, weder beim Hund noch beim Menschen.

Dieses "hier und jetzt" wird meistens auf so eine einfältige Art und Weise benutzt... ich kann es schon nicht mehr hören.

Gerade die Leute, die sich viel mit den Gedanken in der Vergangenheit befinden, oder schon in der Zukunft, verwenden ihn gerne (das ist meine Erfahrung als Yogalehrerin).

Man denkt und grübelt und weiß nach Wochen immer noch, wie doof die Kollegin/der Partner/etc. sich verhalten hat - diese Gedanken loszulassen fällt vielen unendlich schwer.

Oder man denkt und überlegt in die Zukunft "wenn das passiert..." "wenn das nicht passiert" "ich muss noch..." "ich wollte noch..." ich sollte noch..." eine endlose Litanei von Gedanken versperrt das Erleben des AUGENBLICKS.

Der gelebte Moment wird nur noch wahrgenommen, wenn es entweder besonders schön war, oder (das kommt eher vor) besonders ärgerlich, enttäuschend, anstrengend, unangenehm... gerade an diesen eher nicht so schönen Dingen halten manche Menschen fest wie der Kaugummi unter der Schuhsohle.

Wer wirklich im "Hier und jetzt" leben möchte, muss loslassen, weniger werten, weniger emotional reagieren und verzeihen. Sich selbst und ganz ganz viel "den anderen".

Das erleichtert ungemein und wenn man sich dann hin und wieder seines Atems bewußt wird, lösen sich mehr und mehr innere Anspannung und die Lebensqualität des Augenblickes steigt imens.

Hund machen das in der Regel sehr gut. Das im Hier und Jetzt leben.

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Ich denke ähnlich wie Du, Silkies, die Erfahrungen, die Hunde machen, prägen diese natürlich und sie können bestimmte Erinnerungen durch z.B. Schlüsselreize abrufen.

Oder wissen aufgrund ihrer Erfahrung mit uns, dass wir wiederkommen, wenn wir gehen :)

Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass sie sich keine Gedanken über diese Erfahrungen machen, dass sie Erlebnisse nicht ohne Schlüsselreiz abrufen, dass sie sich auch bei bestimmten Erlebnissen nicht detailliert an die vorangehenden Dinge erinnern, sondern einfach noch wissen, dass es entweder besonders schön oder besonders beängstigend war.

Sie zerdenken ihre Erfahrungen nicht, lassen sie nicht Revue passieren und überlegen auch nicht, was sie hätten besser machen können im Nachhinein.

Von daher denke ich manchmal auch, dass sie damit uns Menschen etwas voraus haben :) *seufz :P

Es ist sicherlich ein viel mehr geführtes Leben im Hier und Jetzt, als wir es jemals schaffen würden.

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Viel Philosophie um eine - meiner Meinung nach - einfache Sache...

 

Beim Hund im Besonderen, was täglich zu beweisen ist.

Und wünschenswert auch beim Menschen.

Ich arbeite dran.

 

Im Hier und jetzt zu leben, bedeutet:

 

Wenn es was gibt, worüber man sich aufregen muss, regt man sich auf.

Wenn es was zu jammern gibt, jammert man.

Und wenn es was zu freuen gibt, dann freut man sich. Freut sich richtig.

Ohne wenn und aber.

 

Habe mich freuend bis hierher die Diskussion verfolgt.

Und werde mich freuen an euren Gedanken, solange es etwas zu freuen gibt.

Alternativen siehe oben.

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gatil hat es schon geschrieben.

 

Der Hund lebt im hier und jetzt bedeutet nichts anderes als das er seine Emotionen die er in dem Moment hat auch auslebt.

 

Wir Menschen zum Beispiel können, wenn wir Angst haben, diese Angst ausblenden, ignorieren und später bricht es dann hervor. Wenn der Hund Angst hat, dann hat er Angst und fertig.

 

Wenn ein Hund krank ist, ist er krank. Er macht sich danach nicht immer wenn er mal hustet einen Kopf ob er jetzt wieder krank werden wird.

 

Ebenso gilt es für positive Dinge. 

 

Diese Aussage hat nichts mit Lernen zu tun. Lernen findet immer statt, schließt aber nicht aus das ein Hund im Hier und Jetzt lebt.

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Danke Monika, das kann ich so unterschreiben :)

Im Hier und Jetzt zu leben bedeutet für mich auch nicht weder nicht lernen zu können noch keine Rückschlüsse ziehen zu können. 

Diese Form in der Hunde so sehr gegenwärtig leben ist zum Einen besonders bewundernswert birgt aber auch Konflikte. Wenn man zB zu seinem Hund vor ner Stunde blöd war - egal warum, und jetzt wieder lieb und nett ist, wird der Hund vielleicht erst mal verwirrt sein lässt sich aber schnell wieder auf die jetzt Situation bzw Stimmung ein. Er ist niemals nachtragend, oder muss das noch eben klären. Mit ein wenig Pech hat ihn die vorher blöde Situation so gedeckelt, dass er erst mal vorsichtig ist und sich genau anschaut wie wir gerade gelaunt sind.

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